Report: Tod am Alexanderplatz

Berlin (dpa) - Die Tritte und Schläge kamen wie aus dem Nichts. Sie waren so heftig, dass Jonny K. in jener Oktobernacht 2012 nahe dem Berliner Alexanderplatz stürzte und wenig später an Gehirnblutungen starb.

Gedenken am Alexanderplatz
Kerzen, Briefe und eine Buddha-Figur am 30.11.2012 nahe dem Alexanderplatz: Jonny K. war hier zu Tode geprügelt worden. Foto: Britta Pedersen/Archiv Foto: dpa

«Jonny war der beste Mensch, bis zum Schluss wollte er anderen helfen. Er ist ein Vorbild», sagte Tina K. der Nachrichtenagentur dpa über ihren Bruder, der nur 20 Jahre alt wurde. Die 28-Jährige will den Prozess als Nebenklägerin verfolgen. «Es wird hart.»

Anzeige

«Seit Jonnys Tod gibt es ein Loch, das keiner füllen kann», sagte seine große Schwester. Dennoch sei sie «von einem kalten Wasser ins nächste kalte Wasser gesprungen» und an die Öffentlichkeit gegangen. Tina K. wurde mit ihrem Einsatz gegen Gewalt und für Zivilcourage zu einer Symbolfigur. «Mir ist klar geworden, dass es jeden hätte treffen können. So soll es nicht weitergehen», begründete sie ihr Engagement, für das sie mit dem Medienpreis Bambi geehrt wurde.

Tina K. diskutiert in Schulen mit Jugendlichen, hat den Verein «I am Jonny» gegründet und ein riesiges Benefizkonzert organisiert. Sie ruft dazu auf, hinzusehen und friedlich zu leben. Ihr Motto: «Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.» Ihr Freund, mit dem sie eine Werbeagentur betreibt, war mit Jonny K. in jener Nacht unterwegs. Er wurde bei der Attacke selbst verletzt und wird nun im Prozess vor einer Jugendkammer als Zeuge aussagen.

Vorgeworfen wird den jungen Männern Körperverletzung mit Todesfolge oder gefährliche Körperverletzung. Anklagen wegen Mordes oder Totschlags waren zwar von vielen erwartet worden. Doch ein Tötungsvorsatz sei nicht erkennbar gewesen, hatte Staatsanwaltschafts-Sprecher Martin Steltner betont.

Fünf der Verdächtigen sitzen in Untersuchungshaft, einer ist auf freiem Fuß. Bis November hatten sich vier von ihnen gestellt, zwei hatten sich in die Türkei abgesetzt. Ein 24-Jähriger kam Mitte März zurück, der 19-jährige Onur U. stellte sich als letzter Anfang April. Er gilt laut Ermittlungen als treibende Kraft des Angriffs.

Der Fall hatte höchste Kreise erreicht. Erst nachdem Kanzlerin Merkel bei einem Treffen mit Premier Recep Tayyip Erdogan die Erwartung äußerte, dass die Türkei aktiv nach dem Verdächtigen fahnde, bewegte sich etwas. Über Monate war nicht zu klären gewesen, welche Staatsangehörigkeit der 19-Jährige hat.

Landgerichts-Sprecher Tobias Kaehne sagte, bislang hätten sich nur einige Verdächtigen geäußert. Anwalt Axel Weimann kündigte an, Onur U. werde im Prozess an der Wahrheitsfindung mitwirken. Der Berliner Opferbeauftragte Roland Weber, der auch Anwalt der Nebenklägerin Tina K. ist, sagte der dpa, er hoffe auf ein sachliches Verfahren. Es werde nicht einfach, die Tat umfassend aufzuklären.

Verein für ein friedliches Miteinander