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Rhythmen urwüchsiger Lautmalerei

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Eine traumhafte »My Fair Lady«-Musicalinszenierung feierte im Salzburger Landestheater Premiere: Unser Bild zeigt Ilia Staple als Blumen verkaufendes Gossenmädel Eliza Doolittle mit Müllkutscher Vater Doolittle (Georg Clementi). (Foto: Löffelberger)

»Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen – Bei Gott jetzt hat sie’s!«. Schmissige Ohrwürmer, verträumte Liebeslieder, bissiger Humor, messerscharfe Dialoge und ganz viel Wiener Schmäh: »My Fair Lady« is back im Salzburger Landestheater – und wie!


Ilia Staple als Blumen verkaufendes Gossenmädel Eliza Doolittle parliert in Salzburg nicht mit Berliner Schnauze, sondern sorgt in gepflegtem Wiener Dialekt für kreischendes Gelächter. Vor einem hingerissenen Publikum feierte Frederick Loewes »My Fair Lady« in einer quicklebendigen und erfrischend ideenreichen Inszenierung von Andreas Gergen Premiere. Nicht so grün, eher bunt wie Spaniens Blüten blühte in der Wiener Fassung von Gerhard Bronner die Zusammenarbeit dreier Sparten. Schon die mit Evergreens hochdosierte Ouvertüre, in deren Themen sich Bild für Bild die Handlung ankündigt, übte magische Anziehung aus: Die Metamorphose eines ordinären Straßenblumenmädchens zu einer Dame von Welt, garniert mit Ohrwürmern, die man am liebsten mitträllern würde.

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Nach abgeschlossener Wette mit seinem Fachkollegen Oberst Pickering will Phonetikprofessor Henry Higgins dem widerborstigen Mädchen das noble Parlieren und gute Benehmen beibringen. Auf ihrem Weg nach oben kämpft Eliza gewiss nicht nur mit Konsonanten, denn dem Sprachfachtrottel ist Herzensbildung ein Fremdwort. Er macht das Mädchen zum soziologischen Experiment und quält es unermüdlich mit abstrusen Sprachübungen. Die wiederum »kauderwelscht« zunächst hartnäckig weiter, verlangt »haaßen Dee« statt heißem Tee, sagt »woiln, schoiln« statt wählen und schälen und das findet Higgins alles andere als »wunderschee«.

Als ihr Vater, der Müllkutscher Alfred P. Doolittle (Georg Clementi), mit »seinem Rhythmus urwüchsiger Lautmalerei« auf der Bildfläche erscheint (und für die »Dienste« der Tochter kassieren will), wird allen am (gesellschaftlichen Sprach-) Experiment Beteiligten klar, dass der Weg zur gesellschaftsfähigen Sprache ein steiniger sein wird. Das arme Mädel erduldet unsägliches: Kieselsteine im Mund, Stimmlippenspiegelung, und immer wieder üben, üben, üben, doch beim traditionellen Ascot-Derby scheitert Eliza zunächst trotz aller Liebesmüh genial.

Überhaupt nicht scheitert hingegen die Salzburger Neuinszenierung mit einem wandelbaren und zum Schwärmen schönen Bühnenbild (Stefan Mayer): Vor grauer Bücherkulisse im Hause Higgins entrollt sich umso bunter das Treiben. Die Traumkulisse des Wiener Rathauses, vor dem sich einige Szenen abspielen, bekommt einen goldenen Rahmen und zum Pferderennen lässt sich effektvoll »pfeffrig« die Drehbühne einsetzen. Jedes Detail des kunstvollen Bühnengewächses, in dem sich ein von Spiellust getriebenes Ensemble aus Musicaldarstellern, Schauspielern und Tänzern (Ballett des Salzburger Landestheaters) austobt, zündet. Genau wie die detailverliebte Regiearbeit – virtuose Personenführung mit Tempopräzision, flotten Tanzchoreografien (Dennis Callahan) in zum Verlieben schönen Kostümen (Regina Schill).

Als Lady der Inszenierung holte sich aber insbesondere Ilia Staple den »Publikumspreis« für ihre zum Brüllen komische Darstellung sowie ihre fantastischen Gesangseinsätze ab, dicht gefolgt vom pöbelnden Müllkutscher-Vater Georg Clementi, der nicht nur singen, sondern auch großartig tanzen kann. Sascha Oskar Weis als Professor Higgins bekommt zwar am Ende in seiner Rolle als »Lady-Macher« emotional ordentlich was auf die Mütze – und da nutzt ihm auch sein »Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht« nichts mehr, dafür aber liebt ihn das Salzburger Publikum umso mehr. Axel Meinhardt als Oberst Hugh Pickering wirkt als väterlich »wärmendes« zwischenmenschliches Korrektiv und die Rolle der Mrs. Higgins hätte mit Marco Dott nicht besser besetzt sein können. Das Mozarteumorchester Salzburg unter der Leitung von Iwan Davies hat im Graben hörbar Spaß an dem Musical-Klassiker, denn es gefällt mit schwelgerischem Ton, beseeltem Sound und ist rhythmisch immer auf dem Punkt.

Nach dieser glanzvoll blumigen Lady-Inszenierung, die verdient euphorischen Beifall kassierte, erhebt man sich nur ungern aus dem rotsamtenen Sitz des Salzburger Landestheaters. Was man aber neben der Erinnerung an die so gelungenen Bilder des Musicals sicherlich mitnehmen darf, sind die Hits von »Wart's nur ab« bis »Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?«. Die Salzburger Fair Lady jedenfalls lässt keine Wünsche offen und ist noch bis zum 16. April zu sehen.

Kirsten Benekam