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Rockfeuerwerk in Mundart mit leiser Wehmut

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Mit Spielfreude und vollem Körpereinsatz brachten die Musiker der Band »DeKantA« ihre Zuhörer zum Lachen und zum Nachdenken. (Foto: Mergenthal)

Authentisch, farbenreich und erdig: Ein ganz besonderes Erlebnis war das letzte Konzert der Chiemgauer Stilrockband »DeKantA« vor dem November-Lockdown. Im Saal der Theaterfabrik Traunreut belohnten die sechs Musiker das überschaubare Auditorium mit leidenschaftlicher Spielfreude für den Mut, nochmal auszugehen. Ein Hauch Wehmut schwang freilich mit.

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Im Eingangslied »Dahoam« zelebrierten sie eine herrliche Rockballade. Sängerin Katja Amler besang in poetischer Sprache nicht nur Berge, verschneite Gipfel und Schlösser vor weißblauem Himmel, sondern auch das Besondere der Menschen, die einander noch grüßen, einander vermissen und sich nicht hetzen lassen. Das zweite Stück, die wilde, laute Rocknummer »Spitz sticht Welli«, schilderte lautmalerisch den Gegenpol, das große Hauen und Stechen mit spitzen Ellenbogen in unserer Gesellschaft. Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich musikalisch und thematisch das Konzert.

Bereits 1997 fanden sich die ersten Musiker der Ende 2018 zuletzt neu formierten Band zusammen und proben seither eisern jeden Sonntag um 17 Uhr – es sei denn, es ist grad' Lockdown. Sie kommen aus vier Landkreisen rund um den nördlichen Chiemgau. »Einzigartiger handgemachter Mundart-Rock fernab des herkömmlichen Einheitsbreis« ist hier Anspruch an sich selbst.

Der Funke sprang trotz der wenigen Zuhörer schnell über, viele klatschten gleich beim dritten Lied »Konsum« mit. Hier werden Überfluss-Gesellschaft, Lebensmittelskandale und Wegwerf-Mentalität aufs Korn genommen. Ihre pointierten, gesellschaftskritischen Songtexte stellt die Band erfreulicherweise zum Nachlesen ins Internet, da den Musikern bewusst ist, dass aufgrund der instrumentalen Fülle mit allein zwei Percussionisten nicht immer alles klar zu verstehen ist. Ein wenig könnte man Katja mit ihrer herausragenden Stimme durch Zurücknahme ihrer männlichen Begleiter freilich schon noch in den Vordergrund rücken.

Mal wild und rockig, mal deklamierend, mal schwelgend, hat ihr Gesang ganz viel Seele, Katja verkörpert und glaubt, was sie singt. »Normalerweise mache ich mehr Kabarett dazwischen«, gestand sie in der Pause. »Man fällt in a Loch eini«, gab auch Keyboarder Hans Hofer angesichts der bevorstehenden Zeit ohne Live-Musik zu. Sie ließen einfach die Lieder selber sprechen, mit Aufforderungen wie »Mensch, sei frei« – auch ein Mitmachlied fürs Publikum.

Oft sind die Lieder aus Alltagserlebnissen heraus entstanden. Die Idee zu »Da Moment, in dem du lebst« etwa hatte Katja, als sie im Schneesturm mit Kind und Pferden darum bangte, alle heil heimzubringen – ein Gefühl, das in unserer durch Apps, Navi und Co. rundum versicherten Gesellschaft rar geworden ist. Bei »S`Leben muass oiwei weitergeh« schlug ein gerader Rhythmus in einen beschwingten Walzer um, der alle Musiker von ihren Sitzplätzen nach vorne lockte – ein starkes Zeichen.

Nach der Pause fiel der Sängerin und den erfahrenen Instrumentalisten dann doch so mancher Schmäh ein, und die Interaktionen auf der Bühne wurden lebendiger, etwa von Katja mit dem begnadeten Gitarristen Ralf Möller, einziger »Preiss« in der Band und Experte für trockenen Humor. Beim Lied über das »Bod'n geh« bestückten sich alle mit Bade-Utensilien und es klang ein Reggae an.

»I bleib im Bett« wurde wie ein »Talking Blues« inszeniert und klang am Klavier mit dem rosaroten Panther aus. Das tolle Solo von Bassist Sigi Esterl passte zum genussvollen Räkeln. Zum Lachen und zum Nachdenken wollen die Chiemgauer Musiker ihre Zuhörer bringen. Beides gelang ihnen mit fantasievoller, pulsierender, gut aufeinander abgestimmter Musik, spannenden Einleitungen, etwa an der E-Gitarre, und vollem Körpereinsatz. Hans Hofer spielte meist im Stehen die Tasten und wechselte auch öfter ans Akkordeon, der Trostberger Schlagzeuger Peter Vöttinger sorgte in seinem Heimspiel abwechslungsreich für Drive und Groove, und Martin Stöger brachte mit Bongas, Kongas, Stäben oder Glöckchen viele zusätzliche Effekte hinein.

Mit Aufforderungen wie »Steht's auf!« setzte die Band ein klares Statement für das Leben und gegen Uniformität, Duckmäusertum, Anpassung und Ausgrenzung. Unter die Haut ging ihr in der Corona-Zeit entstandenes brandneues Lied »S'oide Lebm«. Mit mehreren Zugaben, als letzte »I denk an di«, das über Bayern 2 bekannt geworden ist, bedankte sie sich für den begeisterten Beifall der Zuhörer in Traunreut.

Veronika Mergenthal