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Roger Mirets »United & Strong«: Überlebenskampf in New York

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Agnostic Front bleiben auch weiterhin ein wichtiger Teil in Roger Mirets Leben. Foto: Amy Keim Foto: dpa
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Roger Miret wird auf Händen getragen. Foto: Ken Salerno Foto: dpa
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Roger Miret liebt sein Familienleben. Foto: Roger Miret Foto: dpa
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Roger Miret hat viel durchgemacht. Foto: Amy Keim Foto: dpa

Roger Miret schildert in seiner Autobiografie »United & Strong« ein bewegendes Leben. Der Sänger der legendären Hardcore-Band Agnostic Front eröffnet einen erschütternden Blick auf eine Jugend in Armut, Gewalt und Missbrauch.


Berlin (dpa) - Roger Miret ist ein harter Hund und gewiss kein Waisenknabe. Der legendäre Sänger der stilprägenden New Yorker Hardcore-Band Agnostic Front kommt von der Straße, das spiegelt sich textlich und soundtechnisch in seiner Musik wider.

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Was der 54-Jährige in seiner kürzlich auf Deutsch erschienen Autobiografie »United & Strong« jedoch preisgibt, war bislang nur seinen engsten Vertrauten bekannt und kann als erschütternd bezeichnet werden. Miret gewährt sehr intime Einblicke und offenbart auch seine verletzliche Seite. Der renommierte Rockjournalist Jon Wiederhorn hat ihm dabei geholfen, seine Aufzeichnungen in Form zu bringen.

Radikal, schonungslos aber auch erstaunlich reflektiert schildert der charismatische Sänger seine traumatische Kindheit. Die Jugend ist von Gewalt, Armut und Drogen geprägt. Ein zentraler Fixpunkt seines bewegten Lebens ist Agnostic Front. Die in den frühen 80er Jahren gegründete Band ist eine Konstante in Mirets brüchiger, von vielen Tiefschlägen dominierter ersten Lebenshälfte. Sie bietet ihm Rückzug und Flucht aus seinem tristen Alltag.

Die Geburt seiner ersten Tochter Nadia, mit der er und seine erste Frau in jungen Jahren in den besetzten Häusern des Big Apple leben, bewahrt ihn jedoch vor dem Absturz. »Meine Tochter hat mein Leben gerettet. Das wurde mir aber erst im Rückblick bewusst. Mein Leben war zerstörerisch, doch ich musste und wollte für sie da sein«, erzählt Miret im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. »Wenn man so aufwächst wie ich, hat man zwei Möglichkeiten zu wählen: Entweder lebst du so weiter und bleibst das abgefuckte Monster oder du entscheidest dich, einen anderen Weg zu gehen. Mir wurde klar, dass ich nicht vollends auf die schiefe Bahn geraten, sondern ein besserer Mensch werden möchte.«

Als Kind flieht der gebürtige Kubaner mit seiner Familie vor dem Castro-Regime in die USA. In den Ghettos von New York muss das Einwandererkind lernen, sich zu behaupten. In seiner Familie erfährt er nur von seiner überforderten Mutter so etwas wie Liebe. Von seinem Vater und seinem Stiefvater bekommt er physische und psychische Gewalt zu spüren. In einer besonders eindrücklichen Episode schildert Miret, wie sein Stiefvater sein geliebtes Kaninchen an beiden Ohren packt und vor seinen Augen in Stücke reißt.

Eine Art Ersatzfamilie findet Miret in gleichgesinnten Jugendlichen, die gegen die Gewalt in ihren Elternhäusern und der Ablehnung durch die Gesellschaft aufbegehren. Das Gemeinschaftsgefühl schützt ihn vor den Verletzungen im Alltag. Er und die anderen Punk-Kids fühlen sich »United & Strong«, wie es der Buchtitel und der gleichnamige Song auf dem ersten Agnostic Front-Album »Victim in Pain« ausdrücken.

Die Musik wird sein Ventil, sich auszuleben und auch Anerkennung zu erhalten. In der Lower East Side entsteht eine neue Stilrichtung: Der New York Hardcore. Er ist roh, aggressiv und unnachgiebig wie das Leben auf der Straße. Ungeschminkt und anekdotenreich erzählt der Protagonist aus seinen Erinnerungen. Dabei glorifiziert er keineswegs sein Außenseiterleben, noch stilisiert er sich als Opfer der Verhältnisse. »Dieser Kampf über die Jahre hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin«, sagt Miret nüchtern.

Die Geschichten über Konzert-Ausschreitungen, ausufernden Partys und Auseinandersetzungen mit anderen Gangs wirken nicht aufgesetzt. Miret hat es nicht nötig, sich als harter, schwer tätowierter Kerl zu stilisieren. Seine Vergangenheit im Knast ist real. Er verkaufte Drogen, um seine Familie ernähren zu können. Stolz ist er auf diesen Lebensabschnitt nicht. Ihn erfüllt es vielmehr mit Dankbarkeit, dass er die Abzweigung auf einen besseren Weg gefunden hat.

Schon seit Jahren lebt Miret mit seiner neuen Frau und zwei weiteren Kindern ein bürgerliches Familienleben in Arizona. Sein Geld verdient er als Elektriker. »Die Heirat mit meiner zweiten Frau und den beiden neuen Kindern hat mein Leben noch mal in eine ganz andere Richtung verändert. Ich bin viel entspannter als früher, fühle mich vollkommener. Mittlerweile habe ich meinen Platz gefunden, denke ich«, sagt er. Im Inneren sei er manchmal aber noch immer der Rebell von früher.

Ihm ist es egal, wenn er von alten Weggefährten belächelt wird, weil er Fotos von einem Familien-Ausflug in Disneyland mit aufgesetzten Mickey Mouse-Ohren auf Instagram postet. »Ich muss niemanden etwas beweisen. Das ist mein heutiges Leben und ich liebe es«, verdeutlicht er.

Mit Agnostic Front geht er freilich immer noch regelmäßig auf Tour. Sein Chef, der selbst in einer Punkband spielt, gibt ihm hierfür den nötigen Freiraum. Die Band, die Fans und die vielen Freunde auf der ganzen Welt sind ihm nach wie vor wichtig. Das ist seine Community und Teil seines Lebens.

Roger Miret mit Jon Wiederhorn, United & Strong - New York Hardcore: Mein Leben mit Agnostic Front ISBN: 978-3-940822-12-3

Verlag Iron Pages