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Rohrblatt-Offenbarung

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Koryun Asatryan (Saxophon) und Julia Golkhovaya (Klavier) gaben ein hörenswertes Abschlusskonzert. (Foto: Kraus)

Flirrende, rasende, mehr als behände Finger in einem Pianissimo, das neben dem fast filigranen Luftstromton das Spiel der Klappen hören ließ. Als Nebengeräusch hier, aber als sehr musikalisches Nebengeräusch. Im ersten Satz einer Sonate in Cis-Dur, von Fernande Decruck. Und das auf einem Saxophon im Bibliothekssaal des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstifts von Herrenchiemsee.


Wundervolle, leise, schnelle, viele Töne von just einem solchen Instrument, wie es sein Erfinder, Monsieur Adolphe Sax (1814 bis 1894) eigentlich als Lauttöner, als »lauter als Klarinette« für die Militärmusik gedacht hatte und das letztendlich im Jazz große Karriere machte, der zu seiner Entstehungszeit (Saxophon-Patent 1846) noch gar nicht erfunden war. Mit dem es jedoch später fast so synonym gleichgesetzt worden ist, dass nur wenige Musikfans wissen, dass es auch solche Saxophonmusik gibt wie die Sonate für Saxophon der französischen Komponistin Fernande Decruck (1896 bis 1954). Oder, eigentlich richtiger: Dass es eine andere Spielkultur auf diesem Instrument gibt. Die zwar euphorische Ausbrüche in die Höhe kennt – wie in der Weiterentwicklung des Themas im 1. Satz der Decruck-Sonate zu hören – aber weniger röhrende, weniger exzessive als im Jazz.

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Der 1985 in Jerewan, Armenien geborene Koryun Asatryan erwies sich in diesem letzten Kammerkonzert der »InselKonzerte« als mehr als überzeugender Botschafter dieser Spielweise. Seine Spieltechnik ist perfekt, frappierend, vielschichtig. Seine Musikalität enorm. So geriet das ausverkaufte Konzert zu einer wahren Rohrblatt-Offenbarung für wohl alle Zuhörer. Asatryan hatte zusammen mit der musikalisch absolut ebenbürtigen Pianistin Julia Golkhovaya ausschließlich Originalkompositionen für ihre Besetzung aufs Programm gesetzt.

Dass das Programm insgesamt französisch geprägt war, hat damit zu tun, dass die Wiege nicht nur des Instruments, sondern auch dieser Spielkultur in Frankreich steht. Decrucks eingangs dargebotene Sonate in Cis-Dur macht es fürs Klavier eher leicht – mit Ausnahme des F kommen hier einfach alle schwarzen Tasten ins Spiel. Fürs transponierend notierte Altsaxophon ist die gegriffene Tonart Ais, bzw. Bb-Dur – dies lässt das ganze Register bis zum tiefstmöglichen Ton Bb ausnutzen.

Abgesehen davon: Ein absolut entdeckenswertes Stück Musik, voller Esprit und Gehalt, mal impressionistisch, mal volksliedhaft (Andante), mal jazznah (Nocturne). Jeder der beiden Duopartner hatte ein Solo: Julia Golkovaya intonierte auf dem Bibliothekssaal-Steinway in der ersten Konzerthälfte absolut hinreißend Maurice Ravels Sonatine pour Piano, im ersten Satz (Modéré) mit agogischen Freiheiten, im hochvirtuosen dritten Satz voller Ausgelassenheit, fast übermütig.

Asatryans Solo in der zweiten Konzerthälfte waren zwei Hyper-Performance-Etüden des 1952 in Tunesien geborenen französischen Komponisten Christian Lauba, die unter anderem Permanentatmung erfordern sowie das Klappern mit den Klappen hier als perkussives Spielmittel einsetzen: »Balaphon« ist eine Hommage an das gleichnamige, pentatonische afrikanische Xylophon, »Dschungel« das auskomponierte musikalische Pendant zur Biodiversität eines Urwalds.

Das am ehesten bekannte Saxophon-Piano-Werk des Konzerts war Darius Milhauds »Scaramouche«, köstlich ausgekostet die Quintenzirkel-Jazzharmonik im ersten Satz. Der zweite Satz, »Modéré« überschrieben, lyrisch gehalten gab einmal mehr besonders die Gelegenheit, diesem Altsaxophon-Ton nachzuhören: Klarinette? Oboe? Ähnlich ja, aber doch ganz eigen – viele Klangmöglichkeiten hat eben so ein Saxophon. Thomas Kraus