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Romantik, Moderne und Übermut

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David Geringas (Violoncello) und Jascha Nemtsov (Klavier) bei Weinbergs Sonate Nr. 2 op. 63. (Foto: Barbara Heigl)

Obwohl die Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847), Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) und Edvard Grieg (1834-1907) aus verschiedenen Zeiträumen heraus komponierten, haben sie doch eines gemeinsam: Sie aktivieren die plastische Vorstellungskraft der Zuhörer, sie scheinen in jedem ihrer Sätze eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte ihrer Zeit, ihrer Wahrnehmung.


Und mit dem fantastisch aufspielenden Duo David Geringas (Violoncello) und Jascha Nemtsov (Klavier) haben die Komponisten ein perfektes, sensibles, virtuoses und höchst musikalisches »Sprachrohr« bekommen, das das Publikum in der Klosterkirche zu Begeisterungsstürmen hinriss.

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Millionen gläserne, schillernde und, ja, klingende Tauperlen schienen da vor dem geistigen Auge im lyrisch-romantischen Klavierspiel zu entstehen; der erste Satz Allegro Vivace von Mendelssohns Sonate für Violoncello und Klavier B-Dur op. 45 war an Lebhaftigkeit kaum zu überbieten. Schon die ersten Töne des Cellos ließen aufhorchen, der Klangcharakter eigenwillig, aber doch anziehend, sicher ein ganz besonderes Instrument, das aus einer berühmten Werkstatt kommen mag. Geringas führte die Zuhörer im Andante in eine mystisch-düstere fremde Waldeinsamkeit, aus der man dann im Allegro Assai wieder befreiend mit großem Bogenstrich herausgeleitet wurde.

In die Geschichte einer neuen Welt konnten die Zuhörer eintauchen, als die beiden Musiker die Sonate Nr. 2 op. 63 von Mieczyslaw Weinberg spielten. Hier steht der Komponist für die Moderne, dessen Musik zwei Weltkriege, Urbanität und technische Entwicklung zu beschreiben scheint. Fahl und trist zum einem, energievoll und zukunftsweisend, ja hoffnungsvoll zum anderen, und zu neuem Selbstbewusstsein wachsend beschrieb die Musik den unglaublichen Umbruch dieser Zeitenwende.

Tiefe »Kellertöne« und auf langem Bogen groß angesetzte Klangmonumente woben mit einem mechanisch schreitendem Klavierspiel die Geschichte dieser Zeit, die im letzten Satz, dem Allegro, vielleicht den Größenwahn der Menschheit artikulierte. Ein »Höher, schneller, weiter«, wie wir es ja auch heute noch kennen.

Spannend umgesetzt und das sicher beeindruckendste Stück des Abends. Kammermusikglückseligkeit der ganz anderen Art, die den Zuhörern aktuellen Stoff zum Nachdenken und -spüren gab. Romantische, schwungvolle Spiellust und rhythmisches »Joie de vivre« mit mancherlei Augenzwinkern boten die bestens aufeinander eingestimmten Musiker mit der Sonate in a-Moll op. 36 von Edvard Grieg. Musikalischer Übermut im Allegro, sehnsuchtsvolle Stimmung im Andante molto tranquillo mit energisch-festem Strich, galoppierendes Klavier und Gassenhauer-Elemente wechselten sich hier aufregend und -wühlend miteinander ab. Abrupte Richtungswechsel, Themenvielfalt und wiederholte thematisch Umspielungen, Andeutungen und muntere Dialogkultur zwischen den beiden Instrumenten forderten den Zuhörern bei dem temperamentvollen Klanguniversums Griegs noch einmal einiges an Aufmerksamkeit ab.

Klug gewählt waren die drei Zugaben der beiden sympathischen Künstler, mit denen sie den enthusiastischen Beifall ihres Publikums belohnten. Mit »Solveigs Lied« ließ David Geringas eine große, süße Träne in die Herzen der Zuhörer gleiten, die dann mit »Anitras Tanz« munter wieder weggewischt wurde und dem mit dem »Hummelflug« von Rimski-Korsakow mit überschäumender Musizierlust ein fröhliches Gelächter hinzufügt wurde. Barbara Heigl

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