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Russische Emotions-Bomben

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Die Sopranistin Anna Netrebko und ihr Ehemann, der Tenor Yusif Eyvazov, nach dem Konzert im Großen Festspielhaus in Salzburg. (Foto: Festspiele/Borelli)

Es ist schon eine Zeit lang her: 2011 gab's bei den Salzburger Festspielen zwei konzertante Aufführungen von Tschaikowskys Oper Iolanta. Damals war Piotr Beczala der Tenor an der Seite von Anna Netrebko. Heuer im Großen Festspielhaus war's Familiensache.


Diesmal öffnete also Yusif Eyvazov in der Szene »Twojo« moltschanje neponjatno (Ich verstehe dein Schweigen nicht) der Königstochter Iolanta die Augen für das, wovon die nichts ahnt: dass sie blind ist. Es geht um die Farbe und die Zahl von Rosen, und der unbekannte Ritter erzählt der jungen Dame von der Schönheit des Lichts, dieses »wunderbaren Erstlingswerks der Schöpfung«. Emotion pur in dieser symbolistisch angehauchten Oper (1892): Die Blindheit steht da für unterdrückte Sexualität. Sigmunds Freuds Seelenerkundungen lagen damals in der Luft.

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In der letzten Festspielwoche machen die Festspiele mit großen Sängernamen mobil, mit drei von vier Abenden der Reihe Canto lirico (den Auftakt machte Sonya Yoncheva Mitte August mit einem Barockprogramm). Jetzt also Schlag auf Schlag, an aufeinanderfolgenden Tagen: Anna Netrebko mit Yusif Eyvazov, Juan Diego Flórez und Cecilia Bartoli.

Begonnen hat es mit einem Tschaikowsky-Wunschkonzert, wobei man schon leise fragen darf: Wer wünscht sich schon so viel auf höchsten emotionalen Pegel hinaufgeschraubten Tschaikowsky? Es war ein Abend unter – sagen wir es vorsichtig – etwas unglücklichen Rahmenbedingungen: Am Pult stand ein dirigierender Jungspund namens Mikhail Tatarnikow. Einer, der laut Programmfolder »an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt« dirigiert. Ein Radaubruder sondergleichen. Am Fortissimo hat es nicht gemangelt, an Ordnung im Mozar- teumorchester sehr wohl. Der Dirigent schien an diesem Abend voll ausgelastet damit, sich vor den ARTE-Kameras choreografisch gut in Szene zu setzen. Die Orchestermusiker wirkten weitgehend auf sich allein gestellt. Allein in der Briefszene der Tatjana aus Eugen Onegin durfte Anna Netrebko sich von den Holzbläsern und dem Solohornisten adäquat umschmeichelt und vom Dirigenten ungestört fühlen.

Yusif Eyvazov hatte seinen Soloauftritt mit der Arie des Lenski Kuda, kuda wy udalilis (Wohin, wohin seid ihr entschwunden). Er und Anna Netrebko sind unterdessen ein Fußballstadien-erprobtes Team und damit ist eigentlich alles gesagt über den Abend, der sich irgendwie eigenartig ausgenommen hat. Der Applaus war ordentlich, aber enden wollend. Da haben sich wohl viele Gäste des Abends, einem Höhepunkt im Programm, mit offenen Ohren vom angepeilten Glamour-Faktor nicht täuschen lassen. In Szene und Duett Ostanowites, umoljaju was (Bleiben Sie stehen, ich flehe Sie an!) aus dem ersten Akt der Pique Dame, hat auch die Titelfigur einen Auftritt, die ungarische Mezzosopranistin Szilvia Vörös erledigte das mit einigem Charisma. In dem Duett bahnt sich schon alles Unglück dieser Liebesbeziehung zwischen Lisa und Hermann an, auch wenn die Sache vorerst mit einem herzhaften Kuss endet. Gut, wenn die Protagonisten im gleichen Haushalt leben. Da geht das auch jetzt ganz ohne epidemiologische Vorbehalte. Reinhard Kriechbaum