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Salzburger Festspielhaus-Romantik

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Star-Violinist Renaud Capucon (vorne links) mit dem Mozarteumorchester Salzburg unter Marc Minkowski. (Foto: Hans Gärtner)

Zwei Festivalleiter, zwei Spitzengeiger, drei Musiker, drei Romantiker – was will man mehr an einem trüben Sonntagvormittag in Salzburgs Großem Festspielhaus, um das herum fünf von sechs angepeilten Restaurants – nach so viel erregender Tonalität brauchte es dringend ein Kasnocken-Pfanndl und einen g‘spritz‘n Weißen – geschlossen hatten?


Das Mozarteumorchester konzertierte unter Marc Minkowski (»Mozartwoche«-Chef) mit Renaud Capucon (Leiter des Osterfestivals in Aix-en-Provence) als Solist für Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll op. 64 und, keineswegs hintangesetzt, Frank Stadler, Konzertmeister und Salzburger Eigengewächs (aus dem Chiemgau), der sich in Rimski-Korsakows Orchestersuite als starker Ober-Erzähler der allersüßesten »Scheherazade«-Töne aus 1001 Nacht einen Bombenapplaus einspielte.

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Stadler zu beobachten, wie er den um ein paar Zentimeter kleineren, an Berühmtheit doch größeren Fachkollegen bei dessen Auftritt ins Visier nahm – das war so befriedigend und auch befreiend anzuschauen. Da stand nicht der leiseste Anflug von Neid in Stadlers Miene, im Gegenteil: der gebürtige Chiemgauer, der mit Verve und hoher Finesse den russischen Orientalismus des, ach, lange nicht mehr so wenig geschwätzig, vielmehr so einnehmend ernst und dabei siedend heiß gekocht gehörten »Scheherezade«-Dramas Minkowskis gebieterischen Gesten folgte, gönnte den reinen, fadendünnen Strich dem überragenden Gast.

Es freute ihn, dass dieser unbeirrt die Tücken der 170 Jahre alten Partitur, die in Bad Soden entstanden und in Leipzig uraufgeführt worden war, bezaubernd meisterte. So angenehm in der ungekünstelten Präsentation, so ohne – gerade bei Mendelssohn gerne produzierte tränentreibende – Drücker, so ganz dem »schmerzlich Schönen« verschrieben, schaffte der 38-Jährige Franzose seinen Part und konnte das Publikum für sich einnehmen. Capucon kam gewiss nicht ohne Anstrengung aus. Die wich ihm erst ganz aus seiner Guarneri, als er sich mit einem edlen kurzen Gluck bedankte.

Was nach der Pause so vehement und voluminös »aufgemacht« wurde – Minkowski kam sichtlich ins Schwitzen und befeuerte sein herrlich kompakt-dröhnendes Blech, seine ihm heiligen Holzbläser, ließ das Mozarteumorchester die teils amüsante, doch in der Hauptsache vor Exotismus berstende Seefahrer-Episode zum nachbarocken Gemälde aufblühen: Nikolai Rimski-Korsakows Dreiviertel-Stünder, interpretiert von einem Energiebündel und grandiosen Könnern ihres Instruments. Als solche waren die Mozarteums-Musiker schon eingangs, bei Peter I. Tschaikowskis »Capriccio Italien« aus dem Jahr 1880, aufgefallen, wo (anfänglich noch ein wenig zögerliches, dann aber schmetternd schönes) Fanfarenglück auf von Minkowskis Gnaden zelebrierte, mediterrane Depression traf.

Der Mann am Pult – ein Phänomen. Und ein Lustiger. Als Schlag 11 Uhr ein bombenvolles Haus auf ihn gespannt wartete, die Musiker schon in den Startlöchern, verkündete der Maestro, leider nicht für alle deutlich hörbar, etwas im Hotel vergessen zu haben. »Fünf Minuten, bitte!«, ein Lächeln, Applaus, ein bisserl Unterhaltung mit Frau oder Herrn zur Rechten oder Linken – und schon war Minkowski da, mit einem Programm, das hoch erfreute. Hans Gärtner