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Schaffe, schaffe Häusle baue... – Neue Schneelastzonen für Hausdächer gefordert

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Womöglich wurde in vielen Gemeinden – auch in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land – massiver, und damit teurer gebaut, als nötig, da die Berechnungen für die Schneelastzonen auf falschen Daten basierten. In anderen Gemeinden könnte es hingegen künftig teurer werden.

Die Bilder des 2006 eingestürzten Dachs der Eislaufhalle in Bad Reichenhall sind noch immer im kollektiven Gedächtnis präsent. Die Konstruktion hatte den Schneemassen nicht mehr standgehalten. Wie viel Schnee ein Dach aushalten muss, das regelt die europäische Schneelastzonen-Norm.


Doch wie jetzt eine Studie herausfand, wurden für diese Norm falsche Zahlen als Grundlage zur Berechnung verwendet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Wetterdienstes (DWD). In Folge dessen könnte das Häuslebauen in Zukunft wieder kostengünstiger werden. Denn die Bayerische Ingenieurskammer-Bau fordert eine Anpassung der Schneelastzonen in verschiedenen südbayerischen Regionen – auch in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land.

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Schneelastzonen in den technischen Normen sind die Grundlage für statische Berechnungen beim Bau, das heißt, auch bei der Instandsetzung von Gebäuden und Dachkonstruktionen. Je größer der Schneefall in einer Region und damit die Schneelast ist, desto stärker müssen die Konstruktionen sein, die entsprechende Kosten verursachen. Jetzt kam in der Studie heraus, dass rund 70 Prozent der Schneelastzuordnungen falsch berechnet wurden.

Die DWD-Studie »Flächenhaften Analyse von Schneelastmesswerten in fünf Landkreisen Bayerns« vom Mai 2017 empfiehlt eine Überarbeitung der Schneelastnorm. Der DWD bestätigt damit im Wesentlichen ein Gutachten, das die Bayerische Ingenieurekammer-Bau bereits im Jahr 2007 beim Mitglied seines Arbeitskreises Normung, Diplomingenieur Wolfgang Schwind, beauftragt hatte.

Exemplarisch untersucht der DWD die Landkreise Berchtesgadener Land, Miesbach, Passau, Rottal-Inn und Traunstein. Die Landkreise Garmisch-Partenkirchen und Ostallgäu wurden informativ mit untersucht, waren jedoch nicht Bestandteil des Forschungsvorhabens. »Aufgrund der Studie ist es durchaus möglich, dass auch der Einteilung der Schneelastzonen in weiteren Landkreise unrealistische Annahmen zugrunde liegen«, erklärt Prof. Dr. Norbert Gebbeken, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. »Wir empfehlen daher, diese exemplarische Untersuchung auszuweiten.«

Die Bemessung der Schneelasten erfolgt anhand der Regeln und der Schneelastzonen der europäischen Norm DIN EN 1991, besser bekannt als Eurocode 1 (EC1). Die dort festgelegten Zonen wurden von den Fachleuten anhand der Wetterdaten aus den Jahren bis 2000 festgelegt. Bei der aktuellen Auswertung der Wetterdaten des DWD der zurückliegenden 50 Jahre konnte nun erstmals auf eine wesentlich umfangreichere Datenmenge zurückgegriffen werden. Die Auswertungen können folglich nun kleinräumiger vorgenommen werden, was, wie sich herausstellte, einen wichtigen Beitrag zur wirklichkeitsgetreuen Bemessung darstellt.

So kommt die jetzige Studie zu dem Ergebnis, dass nur 30 Prozent der untersuchten Einteilungen mit dem realen Schneefall in der jeweiligen Region vereinbar sind. Bei 53 Prozent der Gemeinden sind teilweise wesentlich geringere Schneelasten anzusetzen, was im Umkehrschluss wieder ein wirtschaftlicheres Bauen ermöglicht. Hiervon sind vor allem Gemeinden in den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen und Oberallgäu betroffen; aber auch 20 Gemeinden in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land, wie Anger, Bergen, Grabenstätt, Piding, Übersee oder Waging am See. Das heißt, womöglich wurde hier massiver – und damit teurer – gebaut, als es nötig ist.

In 17 Prozent der untersuchten Orte sind die Schneelasten nach den Ergebnissen des DWD bislang zu niedrig angenommen. Hiervon können auch Gebäude in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land betroffen sein, darunter in den Gemeinden Reit im Winkl, Ruhpolding, Schleching, Unterwössen und Schneizlreuth.

Allerdings weist die Ingenieurskammer-Bau darauf hin, dass einzelne Untere Bauaufsichtsbehörden aufgrund eigener Ortskenntnisse bereits vor Jahren teilweise die Lastannahmen korrigierten. Auffällig ist, dass sich die Ergebnisse insgesamt zum Teil stark von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden können.

Mit einem Schreiben der bayerischen Obersten Baubehörde an die Regierungen, staatlichen Bauämter, Autobahndirektionen und die Landesbaudirektion wurden die Unteren Bauaufsichtsbehörden über diese Forschungsergebnisse informiert und auf den Handlungsbedarf aufmerksam gemacht, sind sie doch für die Einhaltung sicherer Lastannahmen zuständig.

Als nächster Schritt auf dem Weg zur neuen Bemessungsnorm, fordert die Ingenieurskammer-Bau, eine Datenauswertung für ganz Bayern sowie für die gesamte Bundesrepublik in Angriff zu nehmen. Mit diesen Ergebnissen ist dann der EC1 fortzuschreiben. Die Gespräche mit dem DWD und den DIN-Fachausschüssen laufen bereits. Bis Häuslebauer also tatsächlich den Taschenrechner zücken können, wird es sicherlich noch dauern. fb/vew