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Schlägerei in der Disco

Was an jenem 1. Mai in der Diskothek passiert war, konnte nicht mehr abschließend geklärt werden. Es hatte wohl ein Geplänkel, möglicherweise auch einen Schubser des späteren Opfers gegen den Berchtesgadener Koch auf der Tanzfläche gegeben. Mehr war nicht.

Dennoch war dies Anlass genug für die beiden 20-jährigen Freunde, den zwei Burschen auf ihrem Weg zur Toilette zu folgen. Zufällig wäre man dort im Flur gestanden, hatten die Angeklagten zunächst ausgesagt, habe gar nicht gewusst, dass beide »Kontrahenten« dort drin seien. Der zweite Täter, ein Schreiner aus Schönau, habe überhaupt nur schlichtend eingreifen wollen, im Sinne von »Was is’ da los?«. Er musste dann jedoch kleinlaut eingestehen: »Ich habe nicht gewusst, dass der Flur videoüberwacht ist.« - »Aha! Ist ja interessant«, fuhr ihn Richter Winfried Köpnick an, »sonst würdest du hier weiter Lügen erzählen«.

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Es würden immer neue Verteidigungslinien aufgebaut, warf Köpnick den beiden vor, »hier sitzen keine Vollidioten, die sich vollquatschen lassen.« Nach dem Video war ohnehin nichts mehr zu leugnen.

Man sieht, wie die beiden Täter am Geländer vor der Toilettentüre lehnen, der Schreiner dreht sich noch kurz um und uriniert die Treppe hinunter, der Koch wirft eine Zigarettenkippe hinterher. Dann öffnet sich die Türe nur leicht, und schon spurtet der Koch aus Berchtesgaden los, schlägt auf den 22-jährigen Bischofswieser ein und stößt ihn zurück in den Toilettenraum. Sein Schönauer Spezi sofort hinterher. »Von wegen schlichten«, kommentierte Richter Köpnick diese Passage. Dem 22-jährigen Opfer, ebenfalls aus Berchtesgaden, gelingt irgendwann die Flucht und er verständigt die Türsteher. Zwei Sicherheitsleute trennen die Schläger, alle zusammen verlassen die Toiletten. Und dann passiert, was der Rechtsbeistand des Bischofswiesers später »menschenverachtend« nennen wird: Der Koch schlägt seinem Mandanten mit der Faust derart ins Gesicht, dass der blutüberströmt und bewusstlos zusammenbricht.

Die Folgen: Schädelprellung, Nasenbeinbruch, drei Zähne kaputt. Die Nase des Bischofswiesers muss demnächst ein zweites mal operiert werden, die Zähne machen ihm immer noch Probleme. Auch bei dem Berchtesgadener Opfer war die Nase gebrochen.

Staatsanwalt Christoph Stehberger konnte bei dem Haupttäter, dem Koch, keine wirkliche Reue erkennen. »Brutal« nannte er das Handeln der beiden 87 und 100 Kilogramm schweren Burschen gegen das einen halben Kopf kleinere und gerade mal 58 Kilo schwere Opfer aus Bischofswiesen. Unter Bedenken wollte Stehberger hier gerade noch Jugendstrafrecht anwenden und forderte vier beziehungsweise drei Wochen Dauerarrest.

»Das Jugendgericht muss hier hinlangen«, forderte Rechtsanwalt Jürgen Tegtmeyer als Vertreter des Bischofswieser Opfers. »Es geht hier nicht um Rache«, betonte er, »nein: um Hilfe.« Er versprach sich von Dauerarrest und Antiaggressions-Training eine Katharsis für die beiden Täter. Sein Kollege Athanassios Moralis als Beistand des zweiten Opfers wollte ebenfalls kein Geständnis erkannt haben, lediglich ein Rumgeeiere. Ihm erschien eine Wiedergutmachung an die beiden Opfer maßgebend.

»Man braucht hier nichts schönreden«, räumte auch Rechtsanwalt Hans-Jörg Schwarzer als Verteidiger des Haupttäters ein. Auch er hielte einen Jugendarrest für angemessen. Aber: »Hat es einen Sinn, ihn aus seinem Job in der Gastronomie herauszureißen?« Und so möglicherweise seinen Arbeitsplatz zu gefährden. Die Hälfte könne er sich vorstellen. »Vierzehn Tage sind lang«, so Schwarzer, zusammen mit Schmerzensgeld sollte man ein Paket schnüren. »Das wäre ein vernünftiger Weg«.

Das Jugendschöffengericht entschied auf vier Wochen Jugendarrest für den Koch wegen gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung, auf zwei Wochen für den Schreiner wegen gefährlicher Körperverletzung. Der Haupttäter hat zunächst 2 000 Euro an den Bischofswieser zu zahlen, der zweite 1 000 Euro an das Opfer aus Berchtesgaden. Ein Antiaggressions-Training hat der Koch zu absolvieren, einen großen sozialen Trainingskurs der Schreiner.

Einen »echten Hammer« nannte es Richter Köpnick, aus nichtigem Anlass so auszurasten. Und der Alkohol könne hier kein strafmildernder Grund sein, etwa zu sagen: »Ich kann ja nichts dafür, ich war besoffen«. - »Dann lasst die Finger davon!«, gab Köpnick den Verurteilten mit auf den Weg. Eine Entschuldigung wollten die beiden Geschädigten nicht mehr annehmen; dafür sei es zu spät. höf