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Schlaflos in Nazareth

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Maria reagiert fassungslos. (Foto: Kriechbaum)

Traditionellerweise schnürt man im Dommuseum vor Weihnachten ein Themenpaket zur Jahreszeit, und diesen netten Brauch behält man auch jetzt bei, da dieses Museum integriert ist ins DomQuartier. Diesmal geht es um die Verkündigung des Engels an Maria.


Die Protagonisten: Maria, handarbeitend oder Psalmen lesend, und der Engel Gabriel, sendungsbewusst, allein oder (im Barock) mit viel geflügeltem Gefolge. Eher im himmlischen Hintergrund hält sich Gottvater, der gute alte Herr mit Bart. Dafür kommt die Taube in manchem Bild Maria schon sehr nahe. »Der Heilige Geist wird über Dich kommen«, heißt es in der Bibel. Im übrigen sollten sich die Schreiber des Neuen Testaments schämen. Die Verkündigung wird sogar im Koran angesprochen (in Sure 90), aber von den vier Evangelisten war Gabriels Besuch bei Maria einzig Lukas einen Bericht wert. Und sein Statement ist so kurz, dass bildenden Künstlern und Adventsingen-Machern erheblicher Deutungs-Freiraum bleibt.

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Das älteste Original in der kleinen Schau kommt aus dem Bamberger Domschatz, die Krumme eines Bischofsstabs um 1200/1250: Leider hat der Engel im Lauf von achthundert Jahren seine Flügel eingebüßt, aber er ist eh zu Boden beschäftigt: Er tritt einer Schlange auf den Kopf. Das »Salzburger Perikopenbuch« wäre noch älter (um 1020), aber die Buchmalerei »Traum des Josef« ist nur als Faksimile zu sehen. Es wäre viel zu teuer, das Original in München auszuborgen. Gelegentlich ist die Verkündigungsszene auf zwei Tafelbilder aufgeteilt (es waren ursprünglich meist Altarflügel). Ein solches Bilder-Paar von Johann Michael Rottmayr hat man aus dem Franziskanerkloster geborgt. Auch aus anderen Klöstern und Kirchen kamen Leihgaben, vom Salzburg Museum ebenfalls. Die Bildsprache hat sich logischerweise gewandelt. Im Hochmittelalter spielt die Verkündigung meist in höfischem Ambiente. Erst in der Renaissance übertrug man das Geschehen ins private Milieu, um es menschlicher, fassbarer zu machen. Nicht immer reagiert Maria mit Demut. Gerade in Renaissance und Barock kann sie schon auch die Hände ringen und ziemlich aufgeregt dreinschauen. Vom Heiligen Geist geschwängert zu werden, ist gottlob nicht der Regelfall.

Manchmal ist den Theologen die Fantasie der Maler ein wenig zu weit gegangen. Dass Gottvater gleich ein so gut wie fertiges Kleinkind vom Himmel herunter in Richtung Maria bläst, hat auch unter Bischöfen – eigentlich nicht so kompetent in Zeugungsfragen – einen gewissen Widerspruch geweckt und sich ikonographisch nicht durchgesetzt. Das gemachte Bett zur symbolischen Vermählung steht oft im Hintergrund schon bereit, das war den geistlichen Herren durchaus vertraut. Sollte sich die Szene wirklich um Mitternacht zugetragen haben, wie Theologen annehmen? Dann wäre es immerhin bemerkenswert, dass Maria beim unerwarteten Eintritt des Engels stets ordentlich bekleidet und nie schon im Negligée ist. Schlaflos in Nazareth… Reinhard Kriechbaum

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