weather-image
18°

Schlagzeilen mit Köpfen

0.0
0.0

Sport ist nicht nur Mord. Sport ist Krieg, ist Tod. Tod auf dem Schlachtfeld – ja auch. Vor allem aber im Alltag: Tod im Krieg zwischen Mutter und Sohn, Vater und Tochter. Zwischen Kritiker und Autorin. Zwischen Patientin und Schönheitschirurg. Zwischen Showmaster – und einem Publikum, das sich massenhaft ausliefert auf Gedeih und Verderb. »Ein Sportstück« von Elfriede Jelinek erlebte im Salzburger »Theater im Kunstquartier« eine packende Premiere.


Leichen. Schon beim Einlass liegen sie auf der schwarzen leeren Bühne. Nichts regt sich. Ein Fuß in einem Adidas-Turnschuh ragt ein wenig hervor. Eine Turnerin im goldenen Trikot balanciert auf den Verwesenden herum, lässt weißes Magnesia rieseln – streut Kalk über die Ermordeten im Massengrab.

Anzeige

Alsbald springen die Kinder der Toten auf, werfen sich in die Brust und ins Geschirr. Thera-Bänder in rot, blau oder gelb sind ja sonst für sanftes Dehnen und therapeutisches Krafttraining gut. Auf der Bühne im Theater im Kunstquartier hängen sie in schwarzen Schleifen von der Wand wie Fesseln. Enorm starke Bänder müssen das sein: Die Athletinnen und Athleten stemmen und stürzen sich mit ganzer Kraft in die Schlaufen. Lässt die Anspannung nach, schnellen und krachen die Körper zurück an die Wand.

Vom »Bänder überdehnen« ist die Rede. Viele Bedeutungen in ein Wort packen – und die Wörter beim Wort nehmen – ist ja der zentrale Kniff Elfriede Jelineks: Überdehnt, wie die Gummibänder an der Bühnenrückwand fühlen sich alsbald auch die Bänder der Besucherknie an. Dabei ist man grade erst am Anfang des zweistündigen Marathons. Aber wie ein guter Trainer lässt Regisseurin Tina Lanik Kraft- und Ausdauertraining, Stretching- und Ruhephasen in ständigem Wechsel aufeinander folgen. Das Ergebnis: maximale Trainings- und Bühnenwirksamkeit. Das Spannungsniveau hält, egal ob Kampf und Action oder Stille und Reflexion. Auch die musikalische Qualität, die schon diese frühe Jelinek'sche Textfläche prägt, wird brillant herausgearbeitet. Sprechtechnisch sind die jungen Darstellerinnen und Darsteller ebenso in Topform, wie bewegungs-, ja tanztechnisch.

Aus den (meist eher bewegten und von Mirjam Klebel präzise und schnell choreographierten) Massenszenen der Chorpassagen treten einzelne Darstellerinnen und Darsteller als Solisten hervor. Der Tumult ebbt ab. Zu Wort kommt eine Mutter, die ihren Sohn zugleich bei sich (am besten im Bauch) behalten und zugleich als Helden in die Arena (egal ob Schlacht- oder Fußballfeld) schicken will. Zu Wort kommt der Andi von der Pack, eine reale Figur, ein Bodybuilder, der seinem Idol »Arnie« soweit nachgeeifert hat, dass ihm die Anabolika die Eingeweide zerfressen haben. Die Muskeln schwellen an, wie Luftballone, wie Luftballone platzt auch die ganze Blase eines sinnlosen Lebensentwurfes. Zu Wort kommen die professionelle Witwe, der Schönheitschirurg, der Talkshowmaster, die jugendlichen Gewalttäter: »Das Töten dürfen dann wir für euch übernehmen…«

Und immer wieder ergreift im Sportstück die Autorin selber das Wort. Wehrt sich, teils aggressiv, teils resigniert, gegen die immergleiche Kritik. Zwei der Darstellerin sind sogar ein wenig auf Elfriede Jelinek gestylt, mit markantem Dutt und – bei Bedarf – mit schwarzer Brille.

(Weitere Aufführungen am 26. Januar, 2. und 3. Februar jeweils 20 um Uhr im Theater im Kunstquartier Heidemarie Klabacher