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Schluss mit Strafzettelschreiben

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Servus: Politesse Renate Fögeding verabschiedet sich von den Falschparkern. Ab morgen ist sie im Ruhestand. Berchtesgadens Polizeichef Günther Adolph wünschte ihr alles Gute. Foto: privat

Berchtesgaden – Ruhestand. Den kannte Renate Fögeding bisher nicht. Den ruhenden Verkehr allerdings schon. Die quirlige Politesse war 42 Jahre lang im Dienst der Berchtesgadener Polizei unterwegs, um Parksünder zu bestrafen und Verirrten den rechten Weg zu weisen. In dieser Zeit hat die gebürtige Wagingerin eine Menge kurioser Geschichten erlebt. Ein paar davon hat sie dem »Berchtesgadener Anzeiger« erzählt.


42 Jahre Parkraumüberwachung. Renate Fögeding hat schon Strafzettel geschrieben, als es noch die D-Mark, Parkuhren mit Karenzzeit und verbleites Benzin gegeben hat. Zu Beginn ihrer Karriere wollte sich niemand von einer Frau ein Bußgeld aufbrummen lassen. Wüste Schimpfwörter musste sich die Polizeihostess, wie es damals hieß, an den Kopf mit dem blauen Uniformhut drauf werfen lassen.

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1972 waren die Olympischen Sommerspiele in München. Renate Fögeding auch. Und zwar auf der Polizeischule. Sechs Wochen lang lernte sie alles über Verkehrsregeln, Bußgeldbescheide und Erste Hilfe. Denn eine Politesse muss auch anpacken können. »Helfen und beanstanden. Das waren meine Aufgaben«, lacht Renate Fögeding, die heute ihren letzten Arbeitstag hat. Die Prüfung damals hat sie übrigens mit der Bewertung »gut« bestanden.

An ihren ersten Arbeitstag bei der Marktpolizei Berchtesgaden kann sich die Politesse ebenfalls gut erinnern. »Ich war sehr nervös. Ich habe gezittert«, erzählt Fögeding. Sie wollte auf gar keinen Fall irgend etwas falsch machen. Als sie aufmerksam über den Schlossplatz schritt, fielen ihr zwei ältere Herren mit Gamsbart am Hut auf. Der erste Einsatz schien ein medizinischer Notfall zu sein. Denn einer hat gerufen: »SOS. Jetzt kommt SOS.« Sofort eilte Renate Fögeding auf die beiden zu, weil sie einen Herzinfarkt oder Ähnliches vermutete. »Ich habe die beiden gefragt, ob sie Hilfe brauchen«, erinnert sich die Politesse. Doch die Männer lachten laut los und fragten die verdutzte Frau Fögeding, ob sie wisse, was SOS überhaupt bedeute. »Schutzmann ohne Sack«, haben sie ihr erklärt. Inzwischen kann die Politesse darüber lachen. Damals hat sie einen »hochroten Kopf« bekommen.

Im Laufe der Zeit hätten sich die Sprüche geändert, insgesamt sei der Ton heftiger geworden, klagt Renate Fögeding. »Die ganze Verkehrsmoral hat sich verschlechtert. Viele Verkehrsteilnehmer meinen, dass ich schuld bin, wenn sie falsch parken. Aber ich habe nur meine Arbeit gemacht.« Warum waren manche Rüpel so gemein zu ihr? Renate Fögeding kann es nicht verstehen. Beschimpfungen, Hasstiraden. Die Einheimischen haben sich weitaus häufiger im Ton vergriffen als die Urlauber. Beim Erfinden von Ausreden für das Falschparken waren aber alle gleich kreativ. Teilweise haben sie der Politesse so haarsträubende Geschichten aufgetischt, dass sie einfach lauthals loslachen musste. Die beliebtesten Rechtfertigung: Ich muss zum Arzt. Dicht gefolgt von: Ich habe Durchfall.

Auch über die unterschiedlichen Verhaltensweisen von männlichen und weiblichen Verkehrsteilnehmern hat Renate Fögeding in den vergangenen 42 Jahren viel gelernt. »Frauen sind oft kratzbürstig und bissig«, sagt die Politesse. Männer hätten es dagegen häufig mit Charme versucht. »Manche wollte mich sogar auf einen Kaffee einladen, nur damit ich von einem Strafzettel absehe.«

Aber mit all dem ist jetzt Schluss. Renate Fögeding möchte sich, das ist ihr wichtig, auf diesem Weg ganz offiziell von den Berchtesgadener Verkehrsteilnehmern verabschieden: »Mein Beruf hat mir, auch wenn es manchmal hart war, immer viel Spaß gemacht. Macht's gut.« So, und ab jetzt möchte sich Renate Fögeding entspannen. Aber nicht nur. »Ich kann ja nicht jeden Tag putzen oder in die Sauna gehen«, sagt sie mit ihrem unverkennbaren Humor. Sie möchte sich einbringen, unter Leute gehen. Sie hat da schon eine Idee. Christian Fischer