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Prof. Dr. Magnus Brechtken erläutert im Kongresshaus Berchtesgaden, was Albert Speer tatsächlich von den NS-Verbrechen wusste

Schlussstrich unter das Märchen vom »guten Nazi«

Berchtesgaden – Er war bis zu seinem Tod 1981 der Deutschen liebster Ex-Nazi. Adolf Hitlers einstiger Lieblingsminister Albert Speer verstand es, sich in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, während seiner 20-jährigen Haft in Spandau und danach als »unpolitischer Konstrukteur« darzustellen, der von den Verbrechen der Nationalsozialisten nichts gewusst haben will. Mit dem Märchen vom »guten Nazi« räumt Prof. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, nun endgültig auf. Der Autor der Biografie »Albert Speer – Eine deutsche Karriere« erzählte den rund 100 Zuhörern am Donnerstag im Kongresshaus im Rahmen der Reihe »Obersalzberger Gespräche«, was Albert Speer von den NS-Verbrechen tatsächlich gewusst hatte.

In seiner neuen Biografie über Albert Speer räumt Prof. Dr. Magnus Brechtken mit dem Märchen vom »guten Nazi« auf. (Foto: Kastner)
»Glaubt ihm kein Wort«, sagt der Historiker Prof. Dr. Magnus Brechtken über Hitlers Architekt Albert Speer. (Foto: privat)

Nur knapp war Albert Speer 1946 bei den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher der Todesstrafe entgangen. Im Gegensatz zu Hermann Göring und anderen, die das Gericht nicht anerkannten und keine Verantwortung für die Taten der Nationalsozialisten übernehmen wollten, akzeptierte Albert Speer das Gerichtsverfahren und übernahm eine »allgemeine Verantwortung«. Eine persönliche Schuld wies er jedoch zurück, da er von den Greueltaten der Nationalsozialisten nichts gewusst habe. Das Gericht glaubte Hitlers ehemaligem Leibarchitekten und späteren Rüstungsminister genauso wie später sämtliche Historiker und Journalisten. »Albert Speer galt als reuiger Nazi, der jahrzehntelang gerne als Zeitzeuge zur Verfügung stand. Er hat es verstanden, historische Informationen in hohem Maß zu steuern, sodass viele Fakten über ihn selbst und über sein Tun während der Zeit des Nationalsozialismus in den Schatten gestellt wurden. Die Journalisten haben sich damit oft zufrieden gegeben«, sagte Brechtken. Das sei für ihn der Grund gewesen, eine neue Biografie über Albert Speer zu verfassen.

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Aufträge von der NSDAP

»Speer hat sich entgegen seinen Erinnerungen sehr früh zum Nationalosozialismus bekannt«, sagte Brechtken. Nach eigenen Aussagen sei sein Interesse am Nationalsozialismus im Dezember 1930 entfacht. Seine Studenten hatten ihn in einen Saal an der Hasenheide zu einer Kundgebung Hitlers mitgenommen. Speer hörte eine »Rede ohne Gebrüll«. Tatsächlich aber, so Brechtken, habe Speer schon drei Monate zuvor als Architekt Aufträge von der NSDAP entgegengenommen.

Sein Aufstieg in die engere Führungsriege um Adolf Hitler dauerte jedoch längere Zeit. Erst ab Mitte 1936 stand Speer als Hitlers Architekt im Fokus, wurde mit dem Ausbau des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg und dem Umbau Berlins beauftragt. »Und wenn man die Rückendeckung Hitlers hatte, dann spielte Geld keine Rolle mehr«, so der Historiker. Der wusste auch, dass sich Speer in Berlin eine Art Doppelreich aufbaute. So hatte er als Generalbauinspektor ein Büro am Preußischen Platz und ein eigenes Büro als privater Architekt. »Er konnte sich somit selbst Aufträge erteilen und auch das Honorar ausbezahlen«, so Prof. Brechtken. Obwohl die Umbauplanungen im Februar 1943 endeten, zahlte sich Speer bis 1945 weiterhin 60 000 Reichsmark monatlich aus – »für nichts«.

Als Albert Speer mit dem Berlin-Umbau befasst war, mussten große Teile der Stadt abgerissen werden, Leute musste ihre Wohnungen verlassen. Um Wohnraum zu schaffen, hatte Speer bereits im September 1938 eine Idee. Man erfasste die Namen von 75 000 jüdischen Stadtbewohnern, die man für eine spätere »Umsiedlung« in einer Kartei erfasste. »Das war die Grundlage für die späteren Juden-Deportationen«, betonte Magnus Brechtken.

Von September 1939 bis 1942 eröffnete sich für Speer ein neues Arbeitsfeld: Er entsandte rund 100 000 Männer nach ganz Europa, um die Kriegsführung logistisch zu unterstützen, Versorgung und Lagerbau sicherzustellen. Als dann der damalige Rüstungsminister Fritz Todt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, ernannte Adolf Hitler Albert Speer zu dessen Nachfolger. Damit gehörte Speer endgültig zum engsten Führungskreis des Dritten Reiches. »Damit inszenierte er sich selbst als Mit-Führer, als potenzieller Nachfolger Hitlers und trat als öffentlicher Redner in die Fußstapfen Adolf Hitlers«, so Prof. Brechtken.

Speers Familie – die Ehefrau mit später sechs Kindern – wohnte ab 1938 dauerhaft auf dem Obersalzberg. Das Atelier und das Wohnhaus stehen dort heute noch. »Albert Speer selbst war aber nur dort, wenn Adolf Hitler da war«, wusste Magnus Brechtken. Mit Heinrich Himmler vereinbarte Albert Speer eine Zusammenarbeit bei der Herstellung und Lieferung von Baumaterial durch KZ-Häftlinge. Das Kapital für die von der SS gegründete Firma »Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST)« wurde aus dem Haushalt Speers finanziert.

1942 gab Speer auch kontingentierte Baumaterialien für den Ausbau des Konzentrationslagers Auschwitz frei. Belegt ist, dass Albert Speer selbst eine Ingenieursdelegation nach Auschwitz schickte, die unter anderem auch die Krematorien besichtigte. An diesem Tag wurden dort bis zu 4 000 Menschen ermordet. Für den Ausbau des Barackenlagers Auschwitz« stellte der Minister schließlich 13,7 Millionen Reichsmark bereit.

Hitlers Minister für Bewaffnung und Munition wusste also bereits im Mai 1943, was im Vernichtungslager Auschwitz geschah. All das war 1948 Thema in einem Kriegsverbrecherprozess gegen Oswald Pohl, Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes. Doch weder die Öffentlichkeit noch die Forschung hakten nach, auch nicht, als das Dokument 1968 in einer Doktorarbeit von Gregor Janssen erwähnt wurde.

Und noch eine Geschichte belegt, dass Albert Speer von den Judenvernichtungen gewusst hatte. Er war nämlich bei Himmlers berühmter Posener Rede dabei, in der der Reichsführer SS am 4. und 6. Oktober 1943 im Rathaus der zu der Zeit ins Deutsche Reich eingegliederten polnischen Stadt die damals stattfindende Vernichtung der europäischen Juden vor ausgewähltem Publikum in aller Offenheit aussprach und glorifizierte.

Unkritische Öffentlichkeit

Später im Kriegsverbrecherprozess sollte Speer dann betonen, von den Verbrechen nichts gewusst zu haben. Den Namen Auschwitz, so Speer in einem Interview mit dem Nordeutschen Rundfunk im Jahr 1969, will er erst sehr spät erstmals gehört haben. Er sei nur ein »unpolitischer Konstrukteur« gewesen. »Mit solchen Aussagen ist die Öffentlichkeit lange Zeit völlig unkritisch umgegangen«, betonte Dr. Magnus Brechtken.

Das war nach Speers Entlassung aus der Haft – »die Volksfestcharakter hatte« – nicht anders. Speer gab Interviews für saftige Honorare, schrieb Bücher, in denen er seine Sicht auf die Zeit des Nationalsozialismus erläuterte, und wurde mit vielen Lügen erneut reich. Magnus Brechtken wollte seine Speer-Biografie eigentlich mit dem Satz beenden: »Glauben Sie ihm kein Wort!« Er tat es nicht, doch er sagte es am Donnerstag. Ulli Kastner