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Schmerzhafte Denkanstöße gegen das Vergessen

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Innerer Aufbruch: Ein bizarrer Leichenschmaus im Hause Schuster mit (von links) Aaron Röll, Patrizia Unger, Elisabeth Rath, Britta Bayer und August Zirner. (Foto: Landestheater)

Wahrheit ist bekanntlich ein schmerzlich Ding. Wenn’s also richtig wehtut, dann ist man ihr, der Wahrheit, ganz gefährlich nah. »In Österreich musst du katholisch oder nationalsozialistisch sein, alles andere wird nicht geduldet«. Autsch. Das sitzt und bleibt im Fleisch stecken wie ein rostiger Nagel. Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard war eben ein echter literarischer Radaubruder.

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»Die Österreicher sind nach dem Krieg viel gehässiger und noch viel judenfeindlicher gewesen als vor dem Krieg.«. Touché. Textpassagen aus seinem bekanntesten (und zugleich letzten) Bühnenwerk »Heldenplatz« belegen es: Er wollte beschimpfen, beschämen, aufdecken und damit dem eigenen Volk den Spiegel vorhalten.

Im Jahr 1988 hatte Claus Peymann, damals Direktor des Wiener Burgtheaters, Thomas Bernhard beauftragt, ein Stück zu verfassen. Anlass war nicht nur das 100. Jubiläum der »Burg«, sondern auch das 50. »Bedenkjahr« zum »Anschluss« Österreichs an Nazi-Deutschland. Fünfzig Jahre, nachdem die Wiener Adolf Hitler am geschichtsträchtigen Heldenplatz lautstark zugejubelt hatten, schrieb Bernhard mit dem Skandalstück »Heldenplatz« Theatergeschichte.

Zur Uraufführung, die man allzu gern verbieten wollte, hätte man dem Autor statt Jubel am liebsten eine Fuhre Mist vor das Theater kippen wollen. Bernhard hatte mit seinem Werk den Dreck der österreichischen Geschichte aufwühlt: Pech für alle Verdränger, für jene, die behaupteten, Österreich sei nur ein Opfer Hitlers gewesen. Heute, gerade heute, wenn man so sieht, wie sich die rechtsradikalen Kräfte immer neuen Nährboden suchen, tut es nicht minder weh – nicht nur in Österreich.

Klar, wie immer »übertreibt« Österreichs schärfster Realist mit seinem »Heldenplatz« heldenhaft, klopft auch hier, im Salzburger Landestheater, ordentlich auf den Busch. Als Meister der Überzeichnung wollte er »Denkanstöße geben«, wollte, dass nicht nur geredet und doch nicht verstanden wird. Das gelingt Bernhard, der dieser Tage seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, posthum in der Inszenierung von Alexandra Liedtke am Salzburger Landestheater.

Bedauerlich, aber nicht zu ändern, ist, dass dieser »Heldenplatz« als Salzburger Erstaufführung nur im Online-Format sein Publikum erreicht (vorerst). Es schmerzt fast, dass diese kühne Textkonstruktion Bernhards, die darauf zielt, Beklemmung und Empörung zu erzeugen, am Bildschirm nur in eingeschränktem Maße jene Atmosphäre transportieren kann. Es fehlt das Kollektiverlebnis im Theaterraum.

Landestheater-Ensemble mit Starbesetzung

Die Ensembleleistung mit Starbesetzung – Elisabeth Rath als »Frau Professor« (sie spielte in der Uraufführung von »Heldenplatz« am Wiener Burgtheater in der Regie von Claus Peymann die Rolle der Olga) und August Zirner als Professor Robert Schuster (Bruder des verstorbenen Professors Josef Schuster) – vermag trotzdem voll zu überzeugen. Gemessen an den momentanen Möglichkeiten war dieser »Heldenplatz« heldenhaft umgesetzt.

Das drei Szenen umfassende Stück spielt am Tag der Beerdigung des jüdischen Mathematikprofessors Josef Schuster. Das zentrale Ereignis, der Suizid, ging also der Handlung voraus und bestimmt die folgenden Szenen. Dass sich das Ehepaar Schuster ausgerechnet an dem Ort, an dem Hitler 1938 den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland verkündet hatte, eine Wohnung nahm, erscheint paradox. In Wien hat sich in Sachen Judenhass nichts geändert. Das kann schon lebensmüde machen. Ein Vergessen der Ereignisse angesichts des täglichen Ausgesetztseins scheint unmöglich und verursacht letztlich die seelische Krankheit der Ehefrau. Sie leidet unter akustischen Halluzinationen, hört das Sieg-Heil-Gejohle bis heute.

Die erste Szene, ein Dialog zwischen Frau Zittel (Britta Bayer), der Wirtschafterin im Hause Schuster, und dem Hausmädchen Herta (Patrizia Unger), dient der Charakterisierung des Professors. Das Bühnenbild versinnbildlicht in der Enge eines Kleiderschranks die zwanghafte Pedanterie Schusters, sein In-Sich-Gekehrt-Sein und sein Bestreben, mittels räumlicher Ordnung von »innen nach außen« Halt zu finden.

In der zweiten Szene, wo sich die beiden Töchter des Professors, Anna (Julienne Pfeil) und Olga (Genia Maria Karasek), mit seinem herzkranken Bruder Robert im Wiener Volksgarten unterhalten, prallen andere Kräfte aufeinander. Um die Vergangenheit dreht es sich, sie wird aus der Sicht der Töchter und des verloren wirkenden Bruder beleuchtet und analysiert, während sich auch die Drehbühne in rückwärts gerichteter Richtung dreht, also die Figuren mitnimmt.

Versuche gemeinsamer (Beziehungs-) Aufarbeitung, ein jeder positioniert sich gegenüber dem anderen. Lösungen sind nicht in Sicht. Gegenseitige Vorwürfe über Verdrängung und Flucht vor der Wahrheit, vielleicht ist noch was zu retten auf dem sinkenden Schiff? Onkel Robert, betont resigniert und müde, hat jede Art von Protest eingestellt und schiebt sie bewusst an die (verzweifelte) jüngere Generation ab. »Die Österreicher sind vom Unglück besessen.«, rechnet er ab und »es ist egal, wohin der Jude geht, er wird überall gehasst.«.

In der dritten Szene kommt die Trauergesellschaft noch einmal im Hause Schuster zusammen – ein bizarrer Leichenschmaus, bei dem so manch‘ delikates Thema aufs Tablett kommt oder wiedergekäut wird. Professor Robert »referiert«, klagt an, deckt auf und lädt wieder eine Ladung Mist auf Österreich, seine Menschen und die Regierung. Kollege Professor Liebig (Axel Meinhardt) mit Ehefrau (Eva Christine Just), ein Verehrer des Professors (Marco Dott) und Sohn Lukas (Aaron Röll) setzen in diesen Tenor ein. Unbestrittener Höhepunkt in der dritten Szene ist der divenhafte Auftritt Elisabeth Raths im kongenialen Zusammenspiel mit Zirner – ganz große Schauspielkunst.

Zu Bernhards 90. Todestag gibt es also ganz großes Theater in Salzburg, das man sich online unter www.salzburger-landestheater.at nach Hause holen kann. Es lohnt sich.

Kirsten Benekam

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