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Schneebruch bringt Bergsportler noch immer in Lebensgefahr

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Strahlende Gesichter gab es bei der Jahreshauptversammlung der Bergwacht Teisendorf-Anger. Bereitschaftsleiter Lorenz Aschauer (Zweiter von rechts) nahm die bisherigen Anwärter Franz Aschauer (links) und Julia Emig als neue Bergretter in die Bereitschaft auf. Daniel Pickl ehrte er für 25 Jahre aktiven Dienst. (Foto: BRK/BGL)

Teisendorf – Der durch den Schneebruch stark beschädigte Bergwald und eine gewaltige Schneewechte am Lawinenhang an der Stoißer Alm bringen Skitourengeher und bald wohl auch wieder Mountainbiker und Wanderer am Teisenberg in Lebensgefahr.


Bereitschaftsleiter Lorenz Aschauer, Angers Bürgermeister Silvester Enzinger und Teisendorfs zweiter Bürgermeister Norbert Schader thematisierten bei der Jahreshauptversammlung der Bergwacht Teisendorf-Anger das fehlende Gefahrenbewusstsein. Der Teisenberg wird ganzjährig von tausenden Menschen Tag und Nacht auch bei heiklen Verhältnissen begangen und befahren und ist Spitzenreiter bei Lawinen-Unfällen der letzten 20 Jahre.

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Tödlicher Unfall am 5. Januar

Aschauer erinnerte an den tödlichen Lawinenunfall am 5. Januar am Teisenberg. Trotz Lawinenwarnstufe 4, starken Schneefalls und extrem schlechter Sicht waren 75 Helfer bemüht, eine 20-jährige Frau zu retten. Hubschrauber konnten nicht fliegen, Schneefahrzeuge blieben stecken, sodass sie mit Skiern aufstiegen. Aber das Verschütteten-Suchgerät war nicht eingeschaltet. Erst Lawinenhund Enzo, der mit der zweiten Gruppe eintraf, ortete die Frau, die die Einsatzkräfte rasch ausgruben, aber nicht wiederbeleben konnten. »Der Einsatz war sehr riskant, weshalb wir nur so viele Leute, wie unbedingt notwendig ins Gelände geschickt haben«, so Aschauer. An die 40 Bäume brachen unter der Schneelast ab und trafen wie durch ein Wunder niemanden.

Zwei Wochen später waren schon wieder Skispuren im Lawinenhang: »Dabei muss klar sein, dass dieser Hang gefährlich ist!« Aschauer fürchtete, dass einige Tourengeher das Risiko unterschätzen und bat die Gemeinden Anger und Teisendorf um Unterstützung. Der Hang könne auch Wanderer und Mountainbiker überraschen – vor allem, wenn Almbauern die Straße freiräumen und so Schneemassen anschneiden. In den letzten Jahren rutschte der Schnee immer wieder plötzlich auf die Straße. »Die Leute räumen uns die Warnschilder immer wieder weg«, bedauerte Enzinger Er appellierte dringend an die Vernunft der Menschen.

Durch die Windverfrachtung am Grat sei eine zusätzliche Gefahr entstanden – die große Wechte komme irgendwann runter, so Aschauer weiter: »Es wäre gut, wenn die Almbauern sie abtragen, bevor sie die Straße freimachen und wieder Massen an Leuten den Berg stürmen.« Aktuell lauere auf fast allen Bergen noch Gefahr, da die meisten Forststraßen noch nicht befahrbar sind. »Gefühlt jeder dritte Gipfel ist abgebrochen und viele Bäume sind beschädigt – die Holzarbeiten werden aber bei rund eineinhalb bis zwei Metern Schnee noch dauern.«

Enzinger und Schader thematisierten die illegalen Radl-Strecken am Teisenberg und Högl. Das Problem mache vor allem den Grundeigentümern zu schaffe, die bei Unfällen haftbar sind und Schanzen und Einbauten immer wieder wegreißen müssen. Wald- und Naturschutzgesetz gäben ein Befahr-Verbot vor, die Leute interessiere das aber nicht, Verbotsschilder würden weggerissen.

Die Mitgliederzahl ist mit 41 weitgehend konstant; 21 sind aktive Einsatzkräfte, wobei Lorenz Aschauer Daniel Pickl für 25 Jahre aktiven Bergwachtdienst auszeichnete und die bisherigen Anwärter Julia Emig und Franz Aschauer als neue Bergretter in die Bereitschaft aufnahm. Derzeit würden sechs Anwärter ausgebildet – Ziel seien 25 Aktive.

Auch Unfall-Begehungen mit Angehörigen

2018 war ein durchschnittliches Jahr: die Bergretter leisteten 32 Einsätze, darunter acht beim Pistendienst am Götschen, 15 im Reichenhaller Einsatzgebiet mit der Nachbar-Bereitschaft und neun am Teisenberg und Högl. Josef Koch und Sabine Aschauer engagierten sich zudem im Kriseninterventionsdienst (KID) bei elf Einsätzen und fast 1300 Bereitschaftsstunden am Telefon, etwa wegen der tödlichen Abstürze am Hochstaufen, an der Watzmann-Mittelspitze und der Eiskapelle. Dazu gehörten auch Unfallort-Begehungen mit Angehörigen, damit sie so das tödliche Unglück besser verarbeiten können.

Kassier Christian Schöpp berichtete von 20 000 Euro Einnahmen, zu rund drei Vierteln aus Benutzungsentgelten des Roten Kreuzes. Fast 32 700 Euro gab die Bergwacht aus, über die Hälfte für Ausrüstung, zwölf Prozent für Werbung, zehn Prozent Betriebskosten der Fahrzeuge, acht Prozent für Ausbildung, sechs Prozent für Versicherungen, vier Prozent für medizinischen Bedarf und den Rest für Reisekosten, Instandhaltung und Wartung, Bürobedarf, Fernmeldegebühren und Energie.

Aschauer berichtete von mehreren Einsätzen: Ein Großaufgebot hatte in einer fünfstündigen Aktion bei sehr widrigen Verhältnissen eine 35-jährige Münchnerin und einen 41-jährigen Australier vom Hochstaufen gerettet. Sie waren trotz Regens, Sturms und Schnees leicht bekleidet über den steinschlag- und lawinengefährdeten Goldtropfsteig zum Reichenhaller Haus aufgestiegen, wo sie einen Notruf absetzten. Wegen Orkanböen konnte der Helikopter nur noch zwei Retter am Gipfel absetzen, weshalb die Bergwacht die Opfer zu Fuß abholen musste. Während des Sturms ging Lawinenhund Enzo verloren, tauchte aber am nächsten Morgen unversehrt auf.

Weiter rückte die Bergwacht zu einem gestürzten Bergradler am Högl aus. Ein 24-jähriger Ainringer war vom Ulrichshögl abgefahren, als ihm auf dem feuchten Untergrund das Vorderrad wegrutschte. Er prallte so unglücklich mit dem Oberkörper an einen Baum, dass er schwerer verletzt liegen blieb. Nach längerer Suche retteten die Bergwachtler einen Hund nach längerer Suche vom Ristfeuchthorn, wobei das Medien-Echo viel mehr Leute bewegte, als bei einer Menschen-Rettung und zu einem wilden Schlagabtausch zwischen Hundefreunden und -gegnern führte.

Im August war die Bergwacht für eine erschöpfte Frau im Pidinger Klettersteig am Hochstaufen unterwegs; am 16. August dann für eine schwerst verletzte, 62-jährige Reichenhallerin. Die Frau war beim Abstieg über den Schrecksteig an der Reiter Alpe rund acht Meter tief über Felsblöcke in ein trockenes Bachbett abgestürzt. Sie konnte noch ihren Mann anrufen. Über eine Stunde lang wurde nach ihr gesucht.

Einsätze professionell abgewickelt

Bereitschaftsleiter Stefan Strecker von der Reichenhaller Bergwacht, Georg Eckart von der Teisendorfer DAV-Sektion und die Bürgermeister lobten die Helfer. »Die Krisenintervention, miteinander zu reden und zusammenzusitzen, sich gegenseitig zuzuhören und das, was Schlimmes passiert ist, besser zu verarbeiten, ist unglaublich wichtig!«, betonte Schader aus Erfahrung als Feuerwehrler. »Euer Fahrzeug ist immer unglaublich schnell besetzt und die Einsätze werden professionell abgewickelt – vielen Dank für Eure Unterstützung«, lobte Strecker.

Die Gemeinden Anger und Teisendorf unterstützen ihre Bergwacht seit Jahren unter anderem mit kostenfreien Räumen, wobei das Rettungsfahrzeug im Angerer Feuerwehrhaus untergebracht ist. Langfristig ist dort ein Erweiterungsbau geplant, wobei die Gemeinde noch in zähen Verhandlungen mit dem Ordinariat als Grundstückseigentümer, aber guter Dinge ist. ml