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»Schöner jammern« im Cultino

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Susanne Brantl mit depressiver Körperhaltung möchte vom Publikum aufgemuntert werden. (Foto: Janoschka)

»Sterbebildchen mit einer kostenlosen Scheibe dazu« waren an der Kasse zu haben, ebenso fertige Strickschlaufen mit einer Anleitung zum Knüpfen derselben. Dazu eine Liste für Kondolenzschreiben – und rosenbedruckte Papiertaschentücher.


Passend zur trüben Jahreszeit wurden im Bad Reichenhaller Cultino nach Texten und Musik von Georg Kreisler, Erich Kästner und Kurt Weill, Tom Waits, Kurt Tucholsky, Barbara u. a. hochdepressive Chansons zum »Vombalkonrunterspringen« dargeboten, melancholisch, spritzig, musikalisch auf höchstem Niveau. Dabei unterstrich der Look der Hauptfigur in der kabarettistischen Psycho-Tragikomödie ihren Seelenzustand – er sei herbstlich, den sich färbenden Blättern angepasst, nicht mehr blond, das eher zum Winter passe, obwohl ihr diese Haarfarbe einen feurigen Liebhaber in Italien beschert habe, der, wiewohl unehrlich, doch so schön gelogen habe.

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In »Non posso vivere senza di te« von Giacomo Carissimi präsentierte Susanne Brantl in einer angedeutet parodistischen Opernarie die »grande opera italiana«. Auch mit »Le ciel de Nantes« von Barbara machte die Darstellerin einer psychisch Kranken mit Hang zur Hysterie als kühle Chansonette eine prima Figur, die im Verlauf des Abends in unzählige Rollen schlüpfte, um einerseits ihr trauriges Schicksal als Futter für die Männerwelt zu beklagen (in »Animierdame« oder »Chesterfield girl«) oder Therapien aus der Depression auszuprobieren, wie in den Wiener-Liedern (»Manchmal weine ich sehr« und »Wien ohne Wiener«).

Überhaupt war dieses Jammern, das verpasste Gelegenheiten und erloschene Liebe thematisierte, »eine verkappte Therapiestunde«, weil »wenn du es raus lässt, wird es besser«. Und so animierte sie ihre hervorragenden Musiker, die sie ansonsten gekonnt und einfühlsam begleiteten, dazu, sich als »vom G'spusi sitzengelassen« zu outen. Mit köstlich pubertierender Kehlkopfstimme schüttete Alex Haas, dessen Kontrabass inzwischen Pause hatte, dem Publikum sein Herz aus, und auch Pianist Anton Waas und Geiger Ludwig Hahn trugen sehr gelungen zum »G'stanzlsingen« bei, schließlich wollten sie ja auch therapiert werden.

Diese Aufgabe mit Helfersyndrom hat bei dieser (Emanzipations-)Nummer die Sängerin mit einer Ukulele übernommen. Unentwegt forderte sie die von Liebeskummer Geplagten auf, ihren Frust mit »Do dat a mar a stinga« abzuschütteln. Die Haupttherapieaufgabe des Abends lag jedoch in der Verantwortung der drei wandlungsfähigen Musiker, die jeweils ihre Instrumente, besonders die Saiteninstrumente, in verschiedensten Registern erklingen ließen, das Klavier auch mal wie ein Anfänger, den Kontrabass parodistisch-ruppig oder mit seufzenden Glissandi, die Violine als perfektes Begleitmelodieinstrument, das einfühlsam die Stimmung der Sängerin einfing, in Klänge fasste und meist kontrapunktisch die Moll-Harmonien weiter spann oder auch als Gitarre diente, wenn die Musiker in »Wait 'til yesterday's here« shanty-mäßig die Liedzeilen der Solistin wiederholten.

Wandlungsfähig war auch die professionelle Sopranstimme der Schauspielerin Susanne Brantl, die facettenreich in verschiedensten Schattierungen gekonnt jammerte, im Sprech- oder glockengleichen Liedgesang, mit Koloraturen oder geradlinig, mit rauer Brust- oder zarter Kopfstimme, auf deutsch oder wienerisch, auf englisch oder wienerisch englisch, auf französisch und auf italienisch.

Die Zuschauer wurden zu Therapeuten, die ihre Therapie mit vorher eingeübten Zurufen wie »das wird schon wieder« oder »Ohhhhhh« nach den Bedürfnissen der depressiven Sängerin mit leidendem Gesichtsausdruck und verzweifelter Gestik auszurichten hatten. In der Pause weinte sie ihr Kleid durch und kam dann halb ohnmächtig mit einem etwas eng geratenen Behelfskleid in einer »fin de siècle«-Stimmung als Personifizierung der Depression wieder auf die Bühne.

Morbidität kam in der »Weltschmerzballade« zum Ausdruck, und warum auch die Ehe eine morbide Lebenseinstellung sein muss, erklärten »Ich spioniere dir nach« von Matthias Brandebusemeyer-Fislage mit Mafia-Bossen an den Instrumenten und »Die Ehe« (Georg Kreisler). Brantl blieb lieber die »sola perduta abandonata« als sich völlig selbst aufzugeben. Dann wieder fühlte sie sich verlassen und fand die Bestätigung dafür »Irgendwo am Strand«, wo dieses Wort in den Sand gemalt wurde. Der Tod sitzt ihr im Nacken, weil er ihr Wohnzimmer belagert. »Zuhause ist der Tod«, darum wollte sie mit dem »schönen Knaben« nach Peru, in die Südsee oder nach Kentucky.

Diese Fantasien der Insassin einer Nervenheilanstalt standen quasi als Überschrift über allem anderen, von der aus sich der spannungsreiche Bogen bis zum Schlusslied aufbaute: Und dann kam sie wieder, die Frage, ob sich ein Lied wie »Trauriger Sonntag« verselbstständigen und dann Todesursache sein könne. »Was denkt so ein Lied? Hat es sich die Weltherrschaft vorgenommen?« Dazu erzählte Brantl skurrile Verschwörungstheorien mit der Frage, ob etwa der Bänkelsänger oder aber der Adressat des Liedes oder nur ein zufälliger Hörer wegen des Ohrwurms, der sich in sein Bewusstsein schleicht, sterben könnten.

Am Schluss ging es Brantl etwas besser, die feinsinnige Therapiestunde – anspielungsreich mit Zitaten von ernster Musik mit ähnlicher Thematik – war erfolgreich nicht nur für sie, sondern auch für das Publikum im Cultino, dem ob so mancher Übertreibung (oder Identifikationsgefahr?) das Lachen zwar manchmal im Halse stecken blieb, das aber ein kathartisches Schmunzeln auf den Lippen mit nach Hause nahm. Brigitte Janoschka