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Sehen von dem, was man sieht, hin zu dem, was man nicht sehen kann

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Der Künstler Franz-Xaver Angerer zeigt einige seiner Werke, die bis Anfang Dezember in den Gängen im Traunsteiner Landratsamt ausgestellt sind. (Foto: Morgenroth)

Im Rahmen der Ausstellungsreihe »Kunst im Amt« präsentiert der Inzeller Bildhauer und Grafiker Franz-Xaver Angerer unter dem Titel »Skulpturen und Strukturen« mit insgesamt 85 Exponaten noch bis Anfang Dezember im Traunsteiner Landratsamt einen facettenreichen, interessanten und tiefen Einblick in sein mehr als 30-jähriges künstlerisches Schaffen. Bis zur Halbzeit haben bereits viele Besucher des Landratsamtes die Exponate bewundert und bestaunt.


Die sorgsam zusammengestellte, spannende und faszinierende Ausstellung zeigt die Vielseitigkeit des Künstlers und umfasst Holzschnitte, Zeichnungen, Aquadrucke, Fotografien und Skulpturen, die in den Gängen der drei Stockwerke sowie im Haupt- und Nebentreppenhaus des Landratsamtes ausgezeichnet platziert sind. Die Ausstellung gibt einen Überblick über die thematischen Leitlinien in Angerers Kunstschaffen.

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Mit karbonisierten Holzskulpturen bekannt geworden

Wer von Franz-Xaver Angerer und seiner Kunst spricht, der kommt unweigerlich sogleich auf die Bildhauerei und seine karbonisierten Holzskulpturen zu sprechen. Mit diesen Skulpturen hat er einen Namen als Bildhauer und wird in der Kunstwelt sehr geschätzt. Er hat in sensibler und kontinuierlicher Arbeit ein wuchtiges Werk geschaffen. Im Laufe der Zeit entstand eine Reihe von Motivgruppen und Serien, von denen eine aus der anderen hervorgeht, die sich gegenseitig abwechseln, teils auch einander überschneiden.

Angerer hat in seinen Arbeiten zu einer starken Ausdruckskraft gefunden und verfolgt konsequent seine Linie. Seit 1980 ist er freischaffender Künstler. Seine Holzskulpturen sind in vielerlei Hinsicht besondere Skulpturen von einzigartiger Leichtigkeit mit »eingefangenen« strukturellen Aspekten. Mit sparsamen bildnerischen Mitteln, deren Handhabung Professionalität und Entschiedenheit verlangt, thematisiert er Erfahrungen und Erinnerungen sowie Gegenständliches aus der Natur. Es gelingt ihm bis heute, die Schwere des Holzes zu äußerst dünnen gebogenen, senkrechten und waagrechten Formationen mit Lamellenstrukturen zu einer Raum einfangenden und Raum bestimmenden Gestalt zusammen zu binden.

Ein typisches Charakteristikum in seinen Skulpturen ist vielfach die Polarität zwischen Offenheit und Geschlossenheit. In ihren Unterbrechungen und Durchblicken thematisiert er das Abwesende als Anwesendes und lenkt die Blicke der Betrachter von dem, was man sieht, hin auf das, was man nicht sehen kann. Skulpturen aus Ahorn, Eiche, Esche oder Kirschbaum mit den Titeln »Feldzeichen« oder »Drehende« beeindrucken in der Ausstellung durch ihre Formenvielfalt. Dabei erlauben die horizontalen und vertikalen Strukturen »Lichtblicke«, je nach Blickwinkel von offen und transparent bis hin zu geschlossen und kompakt. Sie besitzen eine kraftvolle Ausstrahlung und wirken gleichzeitig ruhig und meditativ.

Außerdem sind in der Traunsteiner Präsentation grafische Arbeiten und Fotografien zu sehen. Aus der Fülle seiner Werke hat Angerer 27 Farbholzschnitte, 19 Aquadrucke und 4 Zeichnungen aus verschiedenen Serien ausgewählt, die einen intensiven Einblick in sein grafisches Schaffen der letzten zwei Jahrzehnte ermöglichen. Der Künstler fertigt neben schwarz-weiß-Holzschnitten auch Farbholzschnitte an, anfangs im schmalen Hochformat und in jüngster Zeit vielfach im Querformat. Von Anfang an hielt Angerer Wechselwirkungen zwischen Grafik und Skulptur sowie Grafik und Zeichnung offen und versteht es, diese zu nutzen.

Druckgrafik als Spiel- und Experimentierfeld

Parallel zur Bildhauerei wurde die Druckgrafik zu einem besonderen Spiel- und Experimentierfeld. Im Holzschnitt werden die Motive und Strukturen der Skulpturen in grafische Zeichen übersetzt. Die Holzschnitte und Zeichnungen vertiefen die in den Skulpturen erarbeiteten Formen und Strukturen.

Angerers Farbholzschnitte wirken licht und leicht durch das Fluten der immer wieder unterbrochenen Vertikal-, Horizontal- und Diagonallinien. Vielfach werden die Konturlinien aus der Fläche herausgelöst und feine Schattenflächen kräftigen Partien gegenübergestellt. Sie spielen mit allen Valeurs der Zeichnung, betonen feinnervig mal den Strich, ein anderes Mal die Fläche und schaffen ein kontrastreiches Liniengeflecht, sodass ein changierendes Vor und Zurück entsteht. Der Hammerer Künstler testet die Möglichkeiten des Holzschnittes konsequent aus, er erweitert sie und es gelingt ihm immer wieder, mittels konventioneller Techniken neue Bildideen in die Blätter einzubringen, wie in seinen ausgestellten Arbeiten aus den Serien »Windzeit«, »Watt« oder »Hügellandschaft« sowie in den Kohlezeichnungen »Karwendel« und »Drei Zinnen« im Traunsteiner Landratsamt zu sehen ist.

Einen besonderen Blickfang der Ausstellung bilden Angerers Aquadrucke. Mit dem Titel »Hommage an Galileo Galilei« zeigt der Künstler Werke, bei denen der Druck in freier Natur erfolgt. Dabei werden Formen und das Leben natürlicher Prozesse in die Blätter mit aufgenommen, die eine ganz besondere Wirkung erzielen.

Dabei erscheinen in seiner Galileo-Galilei-Serie Linie und klar umrissene Bildelemente als die Form des Natürlichen. Zusätzlich werden visuelle Effekte durch spontane »Tuschespiele« erzeugt. Physische Energien werden von Angerer derart dynamisch gestaltet, dass man den Eindruck von starker Plastizität erhält. Himmelsräume, Dichte, innere Wärme, Typen der Formationen, Gestalten von Planetenoberflächen, Hebungen, Spalten, Umhüllungen sowie Atmosphärisches und das Zusammenwirken von Kräften werden sichtbar gemacht.

Eindruckvolle analoge Fotografien

Nicht minder eindrucksvoll an den Wänden der Behördengänge sind die großformatigen analogen Fotografien. Wie viele andere große Künstler in der Vergangenheit beschäftigt sich Franz-Xaver Angerer seit vielen Jahren intensiv mit der Fotografie. Ende der neunziger Jahre und 2000 entstanden seine Eis- und Wasserfotografien. In seinen »Eisbildern« erscheinen Linie und klar umrissene Bildelemente sowie eine Formenvielfalt, die den Betrachter immer wieder aufs Neue fesselt. Die Wasserfotografien inszenieren die Unfassbarkeit der Welt teils kühl und präzise.

Die Exponate im Landratsamt Traunstein sind noch bis zum 2. Dezember zu sehen. Die Öffnungszeiten sind jeweils von Montag bis Donnerstag von 8 bis 12 Uhr sowie 13 bis 16 Uhr und Freitag von 8 bis 12 Uhr. Eine ergänzende und erweiterte Ausstellung zu Traunstein findet in Franz-Xaver Angerers Atelier-Galerie »Kunstgetriebe« in Hammer bei Siegsdorf am Dorfplatz statt. Diese kann an jedem Samstag von 17 bis 19 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung unter Telefon 08665/927223 besichtigt werden. Gabriele Morgenroth