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Sehnsucht nach alter Macht: Als Union zur Harmonie gezwungen

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CSU-Parteitag
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Zusammengerauft: CDU-Chefin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Foto: Nicolas Armer Foto: dpa

Der Flüchtlingsstreit zwischen Kanzlerin Merkel und CSU-Chef Seehofer hatte das Zeug, die Union zu sprengen. Jetzt demonstrieren die beiden Einigkeit wie lange nicht mehr. Die Frage ist nur: Hält das?


Nürnberg (dpa) - Zum Abschied gibt Horst Seehofer der lieben Angela noch einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. «Du schreibst», ruft der CSU-Chef der Kanzlerin noch hinterher, als sie in die nasskalte Nacht von Nürnberg verschwindet.

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Es geht um die Absprachen für die komplizierten Gespräche mit den zaudernden Sozialdemokraten über eine stabile Regierung. Spätestens am Sonntag wollen die beiden Unionsgranden sich wieder eng abstimmen - dann wohl am Telefon.

Was sich in der guten dreiviertel Stunde davor abgespielt hat, könnte ein Neustart zwischen den zerstrittenen schwarzen Schwestern sein. Kurze Rückblende: Vor zwei Jahren hatte Seehofer der Kanzlerin bei ihrem bis dato letzten Besuch bei einem CSU-Parteitag im Zorn über ihre Flüchtlingspolitik eine denkwürdige Standpauke gehalten. Sie steht damals bedröppelt daneben, ein zermürbender Streit folgt.

Jetzt liefern Seehofer und Merkel eine Demonstration der Einigkeit, wie sie es in der Union lange nicht gesehen haben: Ein Herz und eine Seele, könnte man meinen. Seehofer bedankt sich minutenlang bei Merkel für ihre Rede. Wieder steht sie mit ihrer typischen Raute neben Seehofer. Doch diesmal lässt er sie nicht wie ein Schulmädchen stehen - und sie zeigt Gefühl, ist gerührt. Manche meinen schon, sie werde gleich eine Träne rollen lassen.

Die Delegierten sind aufgestanden. In der Union wissen sie, wie man angesichts des zerstrittenen Haufens an der SPD-Spitze Einigkeit zeigt, wenn die Not wie jetzt nach dem miesen Ergebnis der Bundestagswahl groß ist. «Auch wenn Du es mir nicht glaubst, ich freue mich, dass Du da bist beim CSU-Parteitag», sagt Seehofer - er dürfte sehr gut wissen, wie oft er Merkel das Regieren schon schwer gemacht hat.

Es ist die Replik auf Merkels Eingangsstatement, als sie gut eine halbe Stunde vorher gegenüber den Delegierten bekennt: «Ob Sie's glauben oder nicht, ich freu mich richtig, heute wieder bei Ihnen auf einem CSU-Parteitag zu sein.»

Die Kanzlerin tut in ihrer Rede das, was viele hier lange schmerzhaft vermisst haben: Sie streichelt die Seele der CSU. Zwar spart sie den erbitterten Flüchtlingsstreit nicht aus: «Es waren keine einfachen Zeiten für CDU und CSU», sagt sie und schiebt hinterher, dies habe sich auch auf das Ergebnis der Bundestagswahl ausgewirkt. Dann beschwört Merkel aber die berühmte Geschlossenheit der schwarzen Schwestern. «Stark sind CDU und CSU besonders immer dann, wenn sie einig sind», ruft sie den Delegierten zu. «Deswegen lohnt es sich, für diese Einigkeit zu ringen, zu kämpfen.»

Fast noch wichtiger als solche Bekenntnisse dürften der CSU die Zusagen sein, die sie mitgebracht hat. Bürgerversicherung, wie die SPD sie will? Mit mir nicht. Sicherheit, Pflege, Familienförderung, auch die Förderung des ländlichen Raums vergisst die Kanzlerin nicht - alles Herzensanliegen der CSU.

«Ich möchte, dass die CSU stark ist», ruft Merkel in den Raum. Sie wolle alles dafür tun, dass die Landtagswahl im Herbst ein Erfolg für die Christsozialen werde. Auch dem designierten Ministerpräsidenten und Dauerrivalen Seehofers, Markus Söder, bietet sie dabei ihre Unterstützung an - wenn er sie denn wolle.

Als Seehofer dann nach ihr auf die Bühne tritt, ringt er ein paar Sekunden lang um Worte und beklatscht Merkel. Sehr dankbar sei er für ihre Rede, sagt er dann. «Wir sind geschlossen wie schon lange nicht mehr - und das ist ein ganz großer Wert.» Und: «Geschlossenheit zu predigen und Geschlossenheit zu üben, ist in der Politik oft ein großer Unterschied.» Da könnten Merkel die Ohren geklungen haben - wo doch auch ihrer Sicht meist er die Einigkeit in Frage gestellt hat.

Der CSU-Chef meint in diesem Fall die letztlich gescheiterten Jamaika-Sondierungen mit FDP und Grünen, wo es den anderen auch beim schwierigen Flüchtlingsthema nicht gelungen war, einen Keil zwischen ihn und Merkel zu treiben. Das rechnet Seehofer ihr hoch an. Dann macht er Merkel sogar noch die Freude, alle Wahlerfolge der CDU in diesem Jahr aufzuzählen: das Saarland verteidigt, NRW und Schleswig-Holstein erobert, Regierungsbeteiligung in Niedersachsen - und auch im Bund könne ohne CDU/CSU keine Regierung gebildet werden.

Einen kleinen Seitenhieb kann sich Seehofer dann doch nicht verkneifen - er schiebt hinterher: «Du wirst Verständnis haben: Ohne CSU ist eine Regierungsbildung auch nicht möglich.»

Am Ende, nachdem er Merkel verabschiedet hat, zeigt sich Seehofer zufrieden. «Wenn man sich so versteht, auch inhaltlich übereinstimmt, dann weiß man, das springt über zwischen dem Redner und dem Parteitag - und ich glaube das war so», sagt er da. «Ich bin froh, dass es so ist - wir hatten ja schon andere Zeiten.»

Die Inszenierung zwischen ihm und Söder zum Start in den Parteitag ist da schon fast wieder vergessen: Zeitgleich steuern die beiden CSU-Alphatiere zu Beginn aufeinander zu. Rein zufällig natürlich treffen sich die beiden genau vor den Kameras - und schütteln sich demonstrativ die Hand. Nur die Umarmung fehlt. Wie gesagt: Soviel demonstrierte Einheit war in den letzten Jahren selten. Es wirkt fast schon wie Weihnachtsfrieden. Wie lange das wohl hält?