Seit 17 Jahren setzt sich Hannes Graßl für mehr Sicherheit der Achen-Anlieger ein: »Wir brauchen kein zweites Ahrtal«

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Hannes Graßl kämpft seit 17 Jahren für einen besseren Hochwasserschutz entlang der Königsseer Ache. Foto: Ulli Kastner

Schönau am Königssee – Stapelweise Aktenordner, gefüllt mit unzähligen Dokumenten zum Thema Hochwasserschutz, haben sich in den Schränken von Hannes Graßl angesammelt. Seit 17 Jahren kämpft der Untersteiner im Namen vieler Anlieger für mehr Sicherheit entlang der Königsseer Ache. Die Unwetterkatastrophe am 17. Juli, in deren Zuge auch die Familie Graßl zusammen mit weiteren 200 Bürgern vorübergehend evakuiert werden musste, hat ihn wieder tätig werden lassen. Ihm geht es vor allem um den nach seiner Meinung grundsätzlich zu hohen und nach den Unwetterwarnungen zu gering abgesenkten Pegelstand des Königssees.


Die beiden Gebäude auf dem Anwesen der Familie Graßl in Unterstein hat man vor vielen Jahren neu gebaut. Sie liegen jetzt über einen Meter höher als die alten Häuser, die regelmäßig überschwemmt wurden. Deshalb kam man auch beim Hochwasser am 17. Juli mit einem blauen Auge davon, das heranströmende Wasser konnte durch einen selbst gebauten Graben kurz vor den Häusern wieder in die Ache zurückgeleitet werden, es ist also nichts passiert.

Antwort aus dem Landratsamt

»Wir wissen aber alle, dass im Zuge des Klimawandels die Hochwasserereignisse zunehmen werden«, mahnt Hannes Graßl. Und außerdem sind zahlreiche Anlieger an der Königsseer Ache auch jetzt schon regelmäßig vom Hochwasser betroffen. Auch in deren Namen setzt sich Hannes Graßl für einen besseren Schutz ein. So wandte er sich bereits kurz nach dem aktuellen Hochwasser mit mehreren Fragen schriftlich an das Landratsamt. 15 Wochen später kam jetzt die umfangreiche Antwort, mit der der Untersteiner aber erneut nicht zufrieden ist. Immerhin hat er unter anderem erfahren, dass der Grund für die Evakuierung nicht etwa Sicherheitsbedenken wegen der Seeklause waren, sondern eher die Wassermengen in der Königsseer Ache kritisch betrachtet wurden.

Im Wesentlichen sind es drei Punkte, die Hannes Graßl kritisiert. So fordert er, den Pegelstand des Königssees insgesamt um 15 bis 20 Zentimeter abzusenken, was in seinen Augen wesentlich mehr Spielraum bei starken Niederschlägen geben würde. Außerdem wirft er der Schifffahrt vor, den Pegelstand nach Unwetterwarnungen nicht ausreichend abzusenken. Und schließlich vermisst Hannes Graßl nach wie vor eine Sicherheitsprüfung für die Seeklause, deren Standfestigkeit der Untersteiner trotz der Pfeilerverstärkung vor einigen Jahren immer noch nicht traut.

Für die 1795 zur Holztrift errichtete Seeklause hatte man bei der Sanierung von 1939 bis 1941 einen sogenannten Pegel-Nullpunkt festgelegt. »Die Stauhöhe hat die Schifffahrt dann irgendwann einmal erhöht, weil es damals keinen wasserrechtlichen Bescheid gab«, weiß Graßl. Diesen wasserrechtlichen Bescheid gibt es erst seit sechs Jahren. Nach diesem Bescheid darf die Schifffahrt den Pegel-Nullpunkt nun auch offiziell um maximal 13 Zentimeter überschreiten. »Im Königssee dürften dann theoretisch 678 000 Kubikmeter Wasser mehr enthalten sein«, rechnet Hannes Graßl vor. Denn alle Zahlen rund um den Königssee-Pegel kennt der Untersteiner genau. »Da braucht mir keiner was erzählen, ich habe alles schwarz auf weiß«, zeigt er sich selbstbewusst. Seine Informationen holt er sich zum Großteil aus dem Internet. Auf der Seite des Hochwassernachrichtendienstes Bayern, betrieben vom Bayerischen Landesamt für Umwelt, sind sämtliche relevanten Daten minutiös abzurufen.

Pegel um acht Zentimeter abgesenkt

Daher weiß Hannes Graßl, dass der Pegelstand, als man am 16. Juli, dem Tag vor den Starkniederschlägen, um 8 Uhr morgens mit dem Absenken begann, neun Zentimeter über dem auf 603,17 festgelegten Nullpunkt lag. Abgesenkt wurde der Pegel um acht Zentimeter auf +1 (603,18). Für Graßl viel zu wenig. »Bei einem Anstieg des Seepegels um bis zu sieben Zentimeter pro Stunde trotz vier geöffneter Schleusentore kann sich jeder selbst ausrechnen, wie zielführend die Vorentlastung von acht Zentimetern war«, erklärt Graßl. Er hat einen möglichen rechnerischen Tiefstand des Seepegels von 602,87 bei längerer Schleusenöffnung berechnet.

Für noch effizienter hält Graßl eine permanente Pegelabsenkung um 10 bis 20 Zentimeter, wie sie auch eine vom Wasserwirtschaftsamt Traunstein in Auftrag gegebene Studie aus wasserwirtschaftlicher Sicht empfiehlt. »Eine dauerhafte Absenkung wirkt sich für die Seeanlieger und für die Anlieger an der Königsseer Ache vorteilhaft aus«, heißt es darin. Allerdings, das wird auch betont, »wurde letztlich der dauerhaften Absenkung aus naturschutzfachlicher Sicht nicht zugestimmt und diese somit nicht weiterverfolgt«. An dieser Beurteilung, so das Landratsamt in seinem Schreiben an Graßl, habe sich bis heute nichts geändert.

Das hat Hannes Graßl schon öfter gehört. »Die Schifffahrt versteckt sich hier hinter dem Nationalpark und dem Naturschutz«, schimpft der Untersteiner. Auch diesbezüglich hat er Berechnungen angestellt. Bis zu 1,7 Millionen Kubikmeter Wasser weniger würde der Königssee fassen, wenn der Pegel entsprechend dauerhaft abgesenkt wird.

Hannes Graßl verweist auf den Status des Königssees als Wasserrückhaltebecken und sieht die Schifffahrt entsprechend in der Pflicht. Er vermutet einen Interessenskonflikt, was einerseits die Aufrechterhaltung der Schifffahrt und andererseits die Sicherheit der Unterlieger betrifft. So ist ein Mindestpegelstand notwendig, um den Schifffahrtsbetrieb aufrecht erhalten zu können. Und ein zu starkes Absenken des Seepegels als prophylaktische Maßnahme nach Unwetterwarnungen birgt das Risiko, dass der See beim Ausbleiben der Regenfälle nicht wieder ausreichend schnell gefüllt wird.

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Mithilfe der Schleuse, der sogenannten Seeklause, wird der Pegelstand des Königssees reguliert. Mit der praktischen Umsetzung ist Hannes Graßl, Anlieger an der Königsseer Ache, allerdings nicht zufrieden. (Fotos: Ulli Kastner)

Wie sicher ist die Seeklause?

Auch der über 200 Jahre alten Seeklause traut Hannes Graßl immer noch nicht richtig, obwohl sie vor einigen Jahren verstärkt wurde. Hier vermisst der Untersteiner die in seinen Augen vorgeschriebene Sicherheitsprüfung. Denn wer könne sicher sagen, dass der Seepegel nicht einmal auf einen Meter über null steige. Dann bestehe die Gefahr der Umspülung des Bauwerks. »Und was passiert dann?«, fragt er besorgt. Zudem habe er schon vor längerer Zeit ein Leck im Bauwerk entdeckt, durch das Wasser ausströme. Zu den Vorwürfen wollte sich Michael Grießer, Geschäftsführer der Bayerischen Seenschifffahrt GmbH, auf Anfrage aktuell nicht äußern.

Viel Energie hat Hannes Graßl in den letzten 17 Jahren in das Thema investiert, Schreiben an das Wasserwirtschaftsamt, an das Landratsamt und jetzt zusammen mit rund 25 weiteren Anliegern an Umweltminister Thorsten Glauber versandt, eine Petition eingereicht, mit Schifffahrt und Gemeinde verhandelt und mit Journalisten gesprochen. Erreicht hat er bislang nur wenig, will aber trotzdem nicht aufgeben. »Gegen Feuer und Wasser kannst du eigentlich nichts machen«, sagt Graßl und folgert daraus: »Da musst du schon im Vorfeld tätig werden, denn ein zweites Ahrtal brauchen wir nicht.«

Dieser Tage war erneut ein Kamerateam des Bayerischen Fernsehens in Schönau am Königssee und bei der Familie Graßl zu Gast, um in puncto Hochwasserschutz zu recherchieren. Der Beitrag ist für morgen Donnerstag ab 20.15 Uhr in der Sendung »Quer« geplant.

Ulli Kastner