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Selbstmord beim Hornsignal

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Reichen Applaus gab es nach der konzertanten Aufführung für Francesco Meli (Ernani) und Vittoria Yeo (Donna Elvira) sowie das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini. (Foto: Festspiele)

Im Wettbewerb ums verquerste Libretto der Operngeschichte mischt Verdis »Ernani« ganz vorne mit.


Da ist einmal die Story der Donna Elvira. Sie liebt den »Banditen« (in Wirklichkeit: vom aragonischen König Carlo um die Kronprinzen-Stellung gebrachten) Ernani und muss sich gegen zwei drängende Lover (den König und den Adeligen Silva) erwehren. König Carlo wittert rundum Verschwörung, wird dann von den deutschen Kurfürsten zum Kaiser gewählt und erinnert sich an den Edelmut Karls des Großen. Damit wäre Ernani aus dem Schneider, würde da nicht in die Hochzeitsfeier mit Elvira ein fataler Hornruf platzen: Wenn dieser ertönt, so hat er blöderweise dem alten Kontrahenten Silva in Akt zwei versprochen, werde er freiwillig aus dem Leben scheiden. Das passiert auch am Ende der Oper. Auf Rachegelüste und Handschlagqualität spanischer Ehrenmänner ist Verlass.

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Purer Schwachsinn, aber guter Vorwand zum Singen. Riccardo Muti, der sich in einem Pressegespräch in Salzburg jüngst zum Lordsiegelbewahrer der mit Toscanini angeblich den Bach runter gegangenen italienischen Operntradition erklärte (er hat bei einem Toscanini-Schüler studiert), lässt sich in Salzburg also Verdis frühen »Ernani« angelegen sein. Zwei- mal konzertant, das reicht völlig. Diese Oper hat auf der Bühne nichts zu suchen.

Wenn Muti für eine Sache brennt, dann kommt auch was raus. Am Pult des Orchestra Giovanile Luigi Cherubini führt er vor, was Sache ist, wie man mit raffinierter Tempo-Dramaturgie und vielen, vielen präzise gesetzten Rubati und Akzentuierungen das Hm-ta-ta der Konservendosenmusik über weite Strecken austreibt. »Ernani« ist kein Meisterwerk, aber der Musikdramatiker Verdi kündigt sich nachdrücklich an: Die hitzköpfige Schauerromantik der Dramenvorlage (Victor Hugo) gab ihm Möglichkeiten zuhauf. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor hat in den beiden Salzburger Aufführungen ein schönes Betätigungsfeld: »Ernani« hat alles, was Verdi-Chorszenen eben ausmacht.

Und wenn man solche Sänger hat! Die hat Riccardo Muti nun wirklich handverlesen, natürlich mit Francesco Meli in der Titelpartie. Er hat die Leuchtkraft, die auch massiven Orchesterattacken locker widersteht (in den ersten beiden der vier Akte setzt Muti auf handfestes Dauer-Forte). Das Gestalterische hat Verdi einkomponiert in die Partitur: Aus dieser Wiedergabe mit Referenzcharakter hat man den Eindruck mitgenommen, dass sich das alles (Stimmtechnik und -volumen vorausgesetzt) so gut wie von allein singt, wenn die instrumentalen Parameter einmal richtig eingestellt sind: Was für ein prachtvolles Legato entfaltet Luca Salsi in seinem nicht ganz unmachohaften Liebesschmachten als König Carlo, wie zögerlich und nachdenklich wirken seine Statements dann, wenn der Staatsmann in dieser Figur wachgerüttelt wird.

Äußerst differenziert auch Ildar Abdrazakov, der den Silva rüberkippen lässt vom selbstsicheren Granden zu einem sich der Schwäche bewussten, dieser Einsicht aber trotzig widersetzenden Alten, der eigentlich Mitleid verdient. Die italophile Koreanerin Vittoria Yeo ist die Elvira: selbstbewusst reagiert sie auf die nicht gerade zurückhaltenden Vokalattacken der Männer. Dass es dankbarere Frauenrollen gibt bei Verdi, vergisst man an dem Abend nicht. Reinhard Kriechbaum