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Semmeln und Brezen haben uns die Römer gebracht

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Gerald Huber und Maria Reiter unternahmen in Wort und Musik einen augenzwinkernden und lehrreichen Streifzug durch den bairischen Dialekt. (Foto: Mergenthal)

Alles, was mit Küche und Keller zu tun hat, haben uns die Römer »eingebrockt«. So ungefähr könnte man die Quintessenz des ersten Teils von Gerald Hubers »Bairisch-Streifzug« in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS umreißen. Der aus Landshut stammende Münchner Turmschreiber zog seine zahlreichen Zuhörer, unter denen auch viele Mitglieder des »Vereins Bairische Sprache« waren, mit unterhaltsamen, aber auch lehrreichen Randnotizen in Bann. Musikalische Fußnoten steuerte dazu die virtuose Akkordeonistin Maria Reiter aus der Tölzer Region bei.


Die Römer sind dran schuld, dass es in Bayern anders als im Rest von Deutschland Semmel und nicht Brötchen heißt, wie Huber klarstellte. »Sie haben uns nicht nur Ruinen, sondern jede Menge Kultur, auch Back-Kultur, hinterlassen.« Simila heißt auf Lateinisch »feinstes Weizenmehl« und die bairische »Muin«, das weiche Semmelinnere, kommt vom lateinischen Wort »mollis«.

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Ersatz-Opfer für die Götter

Und die Breze war, wie das eloquent einbezogene Publikum erfuhr, eines der ältesten Gebildbrote und Sinnbild der vor dem Körper zum Gebet gefalteten Arme. Sie dienten offenbar auch als Ersatz-Opfer für die Götter, denen die Frauen früher ihre abgeschnittenen geflochtenen Haare darboten. »Braciatellum« nannten die Römer ein »Ärmlein«. Auch das »Bracke-Mannsbild« oder die »Pratzn« kommt Huber zufolge von diesem Wortstamm.

Der »Hafen«, das südhochdeutsche Wort für »Topf«, habe mit dem lateinischen »habere« (haben, halten) zu tun und die »Milch« komme von »mulgere« (melken). Erstaunlich war für viele, wie nahe das heute noch gebrauchte Dialekt-Wort »okenntn« (anzünden), das laut Huber bereits vor dem 3. oder 4. Jahrhundert bei uns heimisch war, seinem ebenfalls römischen Ursprung »accendere« ist.

»Dialekt macht schlau«, betonte der Autor, dessen Leidenschaft die Erforschung der Wurzeln der bairischen Ausdrücke ist. Bairisch mit »ai« geschrieben meint den bayerischen Dialektraum, im Gegensatz zum geografisch-politischen Begriff »bayerisch«. Wer als Muttersprache einen Dialekt gelernt habe, entwickle so etwas wie eine innere Mehrsprachigkeit. Mit zwölf Millionen Muttersprachlern sei der bairische Dialekt die größte Regionalsprache Europas.

»Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft«, zitierte der Sprecher Goethe. Dieser habe ebenfalls Dialekt gesprochen und sei nach eigenen Angaben »von Verfechtern der lutherischen Sprache mehr als einmal verächtlich gemacht« worden. Goethe ging es da nicht anders als dem barsch zurecht gewiesenen Schulkind: »Ich habe mich im Inneren wie paralysiert gefühlt.« Die Schriftsprache sei früher für die meisten nur dazu da gewesen, dass das Gedruckte überall verständlich ist. Luthers Bestreben sei es gewesen, das Schriftdeutsch auf neue Füße zu stellen. Die Norddeutschen hätten im Bestreben, Protestanten zu werden und die Bibel lesen zu können, Hochdeutsch »auf dem zweiten Bildungsweg« gelernt und es mit zahlreichen niederdeutschen Ausdrücken angereichert. Wenn diese Norddeutschen heute meinten, sie sprächen das reinste Hochdeutsch, seien sie »falsch gewickelt«.

Bub statt Junge

Für Huber sind ganz klar »die Österreicher die besseren Baiern«. Er brach eine Lanze für unmodern gewordene südhochdeutsche Ausdrücke wie Stiege statt Treppe, Staffeln statt Stufen, Kacheln statt Fliesen oder Bub statt Junge. Mit Humor und Ironie plädierte er auch bei den Zahlen dafür, zu reden, wie einem »der Schnabel gewachsen ist«, also »der Einser« statt »die Eins«. Keiner komme auf die Idee, die Achterbahn »Achtenbahn« zu nennen »und, mit Verlaub, eine flotte Drei wird es nie geben«, scherzte der Mundartforscher. Im Bairischen gebe es nur ein Wetter und kein Gewitter oder gar Unwetter. Daher existiere auch nur ein »Wettergott« und kein Gewittergott, eine »Wetterkerze« und eine »Wetterhexe«. Auch rar gewordene Dialekt-Schimpfwörter wie »Latirl« für Pantoffelheld rief er in Erinnerung und lud am Rande zu sprachphilosophischen Reflexionen ein.

In perfekter Abstimmung mit dem Sprecher streute Maria Reiter unter anderem den Tango »Payadoro« (das heißt Schnaderhüpflsängerin auf spanisch), irische Klänge, eine Tarantella, eine zum vorgestellten Ausdruck »Bissgurn« passende Passage aus Schostakowitschs Ballett »Das Goldene Zeitalter« und Variationen zur Bayernhymne ein. Zusammen mit Huber, der auch als Sänger fungierte, bot sie zudem ein Lied aus den »Carmina Burana«, einen kuriosen, anekdotischen Gesang über das »Tröpfelbad« in München und eine Umdichtung nach Frank Sinatra, »Fremde in der Stadt«, über die »Verpreußung« der Landeshauptstadt. Mit einem langsamen Landler, eine Hommage an das Gemütvolle des Dialekts, klang die Darbietung stimmig aus. Veronika Mergenthal