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Sie brennen für die gespielte Musik

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Die Traunsteiner Sommerkonzerte bieten immer wieder Entdeckungen, Musik, die man sich sonst nicht unbedingt selber anhört, weil sie so neu und ungewohnt ist. Und klug von den Programmverantwortlichen ist es deswegen, diese neue, ungewohnte Musik vor der Pause zu spielen. So bleiben die Plätze auch nach der Pause noch besetzt.


Recht viele besetzte Plätze waren es diesmal nicht beim fünften Konzert in der Aula des Annette-Kolb-Gymnasiums. Obwohl das Trio con brio auf der Bühne saß, das schon oft in Traunstein zu Gast war und ein fantastisch gutes kammermusikalisches Zusammenspiel zeigt. Diese drei Musiker – die Geschwister Soo-Jin Hong an der Violine, Soo-Kyung Hong am Cello und Jens Elvekjaer am Klavier – werden ihrem Namen »con brio«, also: mit Feuer, wahrlich gerecht, sie brennen für die Musik, die sie spielen.

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Extra für Traunstein haben sie das im Jahre 1945 komponierte Trio op. 24 von Mieczyslaw Weinberg (1919 bis 1996) einstudiert, spielen es aber so, dass man meint, es sei schon lange in ihrem Repertoire. Mit feinst abgetöntem Gesamtklang und höchster Präzision der Tongebung widmen sich die drei Musiker dieser modernen, aber durchaus noch tonalen Musik des polnischen Komponisten, der aber meist in Russland lebte und ein befreundeter Kollege von Dimitri Schostakowitsch war. Sein Trio orientiert sich an klassischen Formen: Es beginnt mit einem auftrumpfenden Präludium – als wenn einer stürmisch die Türe aufreißt. Dann stimmt die Geige einen schwärmerisch innigen Gesang an, dem die beiden anderen folgen. Der zweite Satz ist eine wirkliche Toccata, vom Klavier mit kantigen Schlägen der linken Hand begonnen und darauf von den Streichern mit heftigem Strich fortgesetzt, alles wird immer erregter und aufgepeitschter. Der dritte Satz ist ein leise geschluchztes Arioso, das sich ins Pathetische steigert und dann doch ins Unhörbare verschwindet, das Finale ist eine Art Fuge mit choralartigen Einsprengseln.

Das Publikum reagierte mit Bravo-Rufen genauso wie bei dem anderen polnischen Stück, den »sechs Bagatellen« des 1971 geborenen Mikolaj Góretzki, das er 1997 komponiert hat. Über diesen Komponisten schweigt sich das Programmheft aus, auch sonst ist nichts über ihn zu erfahren. Den Titel der ersten Bagatelle, »Deciso«, das heißt: entschieden, nahmen die Musiker sehr ernst, betörend schöne Töne gab es vom Cello zu hören, dazu feine, hingetupfte Klavierakkorde, viele heftige Zupf-Töne, ein heftig-harsches Scherzo im Dreiertakt, einen Wettstreit um die leisesten fahlen Streicher-Töne und am Ende ein rhythmisch treibendes Finale.

Extreme dynamische Spreizungen waren auch das Merkmal der Trio-Spieler im »Erzherzog-Trio« von Ludwig van Beethoven, vor allem die Streicherinnen badeten sich förmlich in feinsten Pianissimo-Klängen, das Scherzo erklang mit tänzerischer Eleganz und rhythmischem Feingefühl, im Finale servierten die Drei mit intensivem Vergnügen die zahlreichen wirbligen, rhythmischen Effekte. Zentrum dieses Beethoven-Trios aber ist das ausgedehnte Andante, das sich bei dem Trio con brio wie ein Adagio mit himmlischen Längen anhörte, weil die Musiker diese Musik mit aller klanglichen Finesse, kammermusikalischer Ausgewogenheit und vor allem tiefer Empfindung auskosteten.

Für den herzlich langen Beifall bedankte sich das Trio mit dem zauberhaft zart gespielten, dritten Dumky aus dem »Dumky-Trio« von Antonin Dvorak. Rainer W. Janka