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Sie sind, was sie sind – und sie sind gut!

5.0
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Die Latte in Sachen Musical liegt hoch, nachdem sich »Sound of Music« im Salzburger Landestheater zum Dauerbrenner entwickelt hat und sich die Leute dafür nach wie vor beinahe um Karten raufen. Nimmt man den außergewöhnlichen Premierenjubel, dann ist für »La Cage aux Folles« ab sofort Ähnliches zu erwarten.


Ein wenig auf die Tränendrüsen drücken darf man schon, wenn Zaza singt »Ich bin, was ich bin«. Da hat der Transvestit Zaza/Albin also liebevollst als »Mutter« Jean-Michel aufgezogen. Der Knabe ist eine Hetero-Jugendsünde des Lebenspartners Georges. Nun will Jean-Michel im Hafen der Ehe landen, und den künftigen Schwiegereltern, Spießbürgern und politischen Sauberleuten soll eine Komödie von heiler Familie vorgespielt werden. Wer soll da von der Bildfläche verschwinden? Klar, die/der exaltierte Zaza/Albin… .

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In solchen Szenen lässt Regisseur Andreas Gergen die Showbühne blitzschnell ausräumen, sind die Tänzerinnen und Tänzer blitzschnell weg. Da stehen die Hauptfiguren plötzlich allein da, ganz Mensch und ganz Opfer ihres Anders-Seins. Dieses »Schicksal«“ war damals, in den siebziger und achtziger Jahren, noch ein deutlich herberes. Freilich, ganz unaktuell ist »La Cage aux Folles«, diese Musical-Werbeoffensive für Toleranz in Sachen sexueller Orientierung, auch heute nicht. Aber Diskussionen um Schwulenehe und Kinder-Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare wirken vergleichsweise wie gesellschaftliche Nobel-Probleme.

Der Film »Ein Käfig voller Narren« mit Ugo Tognazzi und Michel Serrault aus dem Jahr 1978 ist cineastisches Allgemeingut. Das Musical von Jerry Herman und Harvey Fierstein ist fünf Jahre später, 1983, entstanden. Eine Boulevardkomödie musikalisiert also, das drängte sich natürlich auf im Nachtclub-Milieu. Zwischen den vielen getanzten Musiknummern verkommt die Handlung des Theaterstücks von Jean Poiret (1973) ein wenig, aber das macht überhaupt nichts.

Nur das Allerbeste ist von der Aufführung im Salzburger Landestheater zu erzählen, deren Premiere mit unbeschreiblichem Jubel aufgenommen worden ist. Uwe Kröger, der eingekaufte Star? Freilich, der Musical-Profi hat als Zaza/Albin eine Traumrolle, kann alle Register vom offensiven Tunten-Geblödel bis zu hintergründigeren Tönen ausspielen. Einmal steht er sogar als Transvestiten-Sisi da, als Kaiserin im goldenen Bilderrahmen. Wo hat sie bloß ihren Fächer verlegt? Kein Klischee ist da also heilig, die Publikums-Begeisterung bordet über.

Nicht unwitzig, wen man als Georges gecastet hat: Dieter Landuris, ein bekannter deutscher Film- und TV-Schauspieler, gibt den Nachtclubbesitzer und Ehepartner von Zaza/Albin als langmähnigen, jung gebliebenen Achtundsechziger. Ihm nimmt man die Jugend in etwa so ab wie Zaza/Albin das Alter. Es sind in Wirklichkeit zeitlose Tunten, und das macht viel vom Charme dieser Besetzung aus.

Haben wir geahnt, dass der langjährige Leiter der Jugendsparte im Landestheater, Marco Dott, so schöne Beine hat? Der »Butler« Jacob, der dauernd als Zofe auf hochsohligen roten Schuhen durch die Szene stakst und alle Stereotype eines Transvestiten buffonesk und mit einigem Raffinement ausspielen darf, erweitert das Duo zum Trio. Zum Totlachen.

Dem Casting hat man überhaupt größtes Augenmerk geschenkt, und so taucht auch im Tanzensemble und im Showpersonal rundum manch ausgeprägter Charakter auf. Es wäre aber ungerecht, Einzelne herauszuheben: »La cage aux Folles« besticht insgesamt durch allerhöchste Professionalität. Der Choreograph Paul Kribbe, einer ganz weit oben auf dem deutschen Musical-Tanzparnass, leistete ganze Arbeit. Fein, wie eng verlinkt seine Beiträge sind mit der Regie von Andreas Gergen. Bühnenbildner Christian Floeren hat eine Drehbühnen-Lösung erdacht, die blitzschnell wechseln lässt zwischen Showbühne im Nachtclub und Wohnzimmer des Schwulen-Ehepaars, das schließlich mit einem überdimensionalen »Letzten Abendmahl« auf braves Bürger-Heim umgebaut wird. Klar, das Komödienspiel geht grandios schief. Aber das wissen eh alle, wer kennt den Film (oder wenigstens das Remake aus den späten neunziger Jahren) nicht.

Peter Ewaldt und das Mozarteumorchester machen mit spürbarer Lust mit. Es ist ja nicht so, dass diese Musik besondere Finessen bereit hielte – wohl aber hübsche Melodien zum Singen –, aber sie spielt sich deswegen beileibe nicht von alleine. Also auch das Orchester vor den Vorhang! (Aufführungen bis 8. März 2014) Reinhard Kriechbaum