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Sinnesrausch und Erschütterung

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Jedermann (Cornelius Obonya) im Dialog mit dem Tod (Peter Lohmeyer). (Foto: Salzburger Festspiele/Forster)

Die Prozession am Anfang und am Ende des Stücks mit Musikanten, Bischöfen, dem Tod und Männern in riesigen Teufelsmasken hat bei der Jedermann-Wiederaufnahme seit der Neuinszenierung 2013 nichts von ihrer archaischen, poetischen Kraft verloren. Dass die Premiere im Rahmen der Salzburger Festspiele vom Domplatz ins Festspielhaus verlegt werden musste, beeinträchtigte nur die Romantik geringfügig, nicht aber die Wirkung.


Der US-Amerikaner Brian Mertes und sein schottischer Regie-Kollege Julian Crouch greifen unbekümmert in die Farbtöpfe, ohne die universale Essenz des Stücks aus dem Auge zu verlieren. Es geht um einen großen Sinnesrausch, die Konfrontation des reichen Jedermann mit Tod und Scheitern, und um dessen Erlösung durch Akzeptanz. Für Crouch symbolisiert dieser Tod eine Transformation und Veränderung, den Tod des alten und den Beginn des neuen Selbst, wie er im Gespräch mit David Tushingham im Programmheft verrät.

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Beide Regisseure bringen ihre jeweiligen Erfahrungen aus einem Theater, das vom spontanen, sinnlichen Zugriff lebt, mit – Mertes von seinen legendären Freilichtproduktionen der Stücke Anton Tschechows innerhalb und außerhalb seines historischen Hauses im Staat New York, Crouch von seinem Faible für Puppenspiel und Improvisation. Er hat seine Karriere bei großen Freilichtspektakeln begonnen und seine Eltern waren Experten des mittelalterlichen Dramas.

Beste Bedingungen also für einen ungekünstelten und direkten Zugang zur Jedermann-Welt Hugo von Hoffmannsthals. Beide zeigen zugleich großen Respekt für die klare, präzise Sprache des Autors, der auf Stilstrenge Wert legte. Seine Knittelverse bilden einen reizvollen Gegenpol zu den teils ausladenden Gaukeleien auf der Bühne, etwa, wenn aus Jedermanns Schatzkiste eine riesige Monster-Puppe mit Klappmaul, abnehmbaren Extremitäten und unzähligen Spielmöglichkeiten herauskommt. So reckt sich Mammon-Darsteller Jürgen Tarrach, mit seinem Zylinder und Frack wie ein Zirkusdirektor wirkend, mal aus dem Maul, mal aus dem Bauch des Ungeheuers heraus.

Nah an der Grenze zum Kitsch ist freilich die Inszenierung des von Hans Peter Hallwachs tiefernst und etwas altbacken pastorenhaft dargestellten Glaubens: Er sitzt auf einem Brett, das aus der Horizentale fast in die Vertikale geklappt wird, wie auf einer überdimensionalen Kanzel und schüttet aus einem kloschüsselähnlichen weißen Behälter Wasser auf den Jedermann, um durch dieses taufähnliche Ritual seine Wiedergeburt als neuer Mensch einzuleiten. Hoffmannsthal griff auf viele Quellen zurück, wie die anonymen Mysterienspiele der Mönche, den englischen »Everyman« (um 1500) und sicher auch die Barocklyrik im Geist des »Carpe Diem – Memento Mori«. Die Prozessions- und Volksszenen von Mertes/Crouch verköpern diese Wurzeln mit viel Musik, Tanz und Akrobatik mitreißend, erinnern auch an den Chor im antiken Drama, der, ganz zu Jedermann passend, aus den Spielen zu Ehren des Weingottes Dionysos entstand. Aus einem fahrenden Theater und Zirkus wird plötzlich eine jazzige Broadway-Revue- genial!

Die Akteure sind im Wesentlichen das bewährte Team. Cornelius Obonya bringt als Jedermann die Nuancen dieser Figur und ihre Wandlung authentisch zum Ausdruck. Die radelnde Buhlschaft Brigitte Hobmeier betört als natürlicher Wildfang mit kokett-laszivem Verführungsspiel. Neckisch wandelt sie die Bedeutung der Worte »Dein bin ich« durch den nach einer Sprechpause wundervoll hingeworfenen Nachsatz »heut«. Tiefen Eindruck hinterlässt Peter Lohmeyer als unerbittlicher, Jedermann bis in die Tiefe seiner Seele durchdringender Tod, der unter der Festtafel herauskriecht und das Tischtuch, das vorher ein Vorhang gewesen war, wie ein Leichentuch als hohl scheppernde Schleppe hinter sich herzieht. Dass Gott nach wie vor von einem Kind, der 14-jährigen Florentina Rucker, anrührend schlicht gespielt wird, nimmt der Glaubensebene im Stück die Schwere.

Von den drei neuen Darstellern, darunter Sven Dolinski (Guter Gesell) und Johanna Bantzer (Glaube) beeindruckt am meisten Christopher Franken als wütender Teufel. Bleibt zu hoffen, dass das bezaubernde Spiel bei den Folgeterminen ab 23. Juli oft auf dem Domplatz stattfinden kann. Veronika Mergenthal

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