weather-image

»Sommernachtstraum« in kreativer Inszenierung

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Die Liebenden im Wald: Hermia (Sarah Elias), Lysander (Marvin Balonier), Helena (Ronja Simon) und Demetrius (Simon Friedl). (Foto: Janoschka)

Zweimal war das Kurgastzentrum Bad Reichenhall ausverkauft, zweimal gab es viel Szenenapplaus und am Ende stehende Ovationen, viele Blumen für den Regisseur Helmut Russegger und eine Umarmung von seiner Tochter Ronja, die mit ihrem Können wesentlich zum Erfolg des Abends beigetragen hatte. Alle Schülerinnen und Schüler des Theaterensembles am Karlsgymnasium lieferten im »Sommernachtstraum« eine außergewöhnliche Leistung ab, als würden sie nichts anderes tun, als auf der Bühne schauspielerisch zu agieren.


Die Stimmen der beiden Liebhaber Lysander und Demetrius hielten der Herausforderung gerade noch stand, so sehr legten sie sich ins Zeug. Nach dem fünften Akt stellte so eine Stimme aus dem Off fest: »Wunder geschehen.« Vorausgegangen Nenas Lied »Wunder gescheh'n«, quasi als poetische Zusammenfassung des vielschichtigen Inhalts der Komödie.

Anzeige

Wunder der Liebe und Wetterwunder

Wunder, weil das herrschende Gesetz Athens, das Kinder zum Eigentum der Väter machte, von Theseus zugunsten Einzelner außer Kraft gesetzt wurde, sodass Hermia schließlich doch nicht Demetrius heiraten musste. Wunder der Liebe, weil jedes Liebespaar zueinanderfand und Wunder, weil Wetterkapriolen sich mit der Beilegung des Streits zwischen der Elfenkönigin und ihrem Gatten beruhigten. Wunder auch, weil Titania für die Zeit der Verzauberung einen Esel liebte und weil die sechs Athener Handwerker, so ungebildet sie auch waren, bei der Hochzeit des Theseus mit Hippolyta ihr »langweilig-kurzes« Stück mit »sehr tragischem Vergnügen« aufführen durften.

Nach Pucks »Wunder geschehen, ich hab alles gesehen. Wir dürfen nicht nur an das glauben, was wir sehen« sangen denn auch die Hauptdarsteller Nenas Lied mit diesen Worten, allen voran Maxi Steinbacher als Oberon und Lea Busse als seine emanzipierte Gattin Titania, die ihn in ihrem Streit um den Adoptivsohn aus Indien ganz von oben herab als »Du Trump – Donald Trump« bezeichnet hatte.

Vielleicht ist auch das außergewöhnlich und wundervoll, wenn Schüler in der Arbeit an Shakespeare erkennen, wie zeitlos dessen Themen doch sind. Die Verwirrungen der Liebe gab es zwar damals wie heute, aber die Emanzipation und Selbstbestimmtheit der Frau und der Klimawandel mit seinen Wetterkapriolen – hier eine Folge des Ehestreits zwischen dem Elfenpaar mit dem plötzlichen Hagelsturm aus Tischtennisbällen – sind als aktuelle Bezüge in einem Shakespeare-Stück schon erstaunlich.

Was man heute Mobbing und Zickenkrieg nennt, das gab es anscheinend auch schon zu Zeiten Shakespeares, dessen psychologisch durchdachte Dialoge sehr modern anmuten. Vielleicht war die Brisanz mancher dieser Themen ein Grund für Shakespeare, den Ort des Geschehens ins weit entfernte Athen zu verlegen, denn für das, was dort passiert, konnte ja nicht er zur Rechenschaft gezogen werden. Das Umfeld von Athen bot ihm zusätzlich die Möglichkeit, die mythologischen Themen um Theseus und die schöne Amazone Hippolyta auf die Bühne zu bringen.

Zudem gab es wirkungsvolle Standbilder der handelnden Personen sowie viel Slapstick und Witze, die zur Heiterkeit beitrugen: Der Puck bediente sich bisweilen einer – damals noch nicht erfundenen – Taschenlampe, um sich im Wald zurechtzufinden. Lysander wollte seine Nerven mit einer Zigarette beruhigen, schaffte es aber vor gespielter Aufregung nicht, sie anzuzünden – er lebte ja eigentlich in einer mythologischen Zeit – und warf sie mit dem englischen Fluch »fuck« auf den Boden.

Pyramus hilft Thisbe mit einem Mundspray

Nur der Almanach der Handwerker musste noch statt Wikipedia als Nachschlagewerk herhalten. Dafür verbesserte Pyramus (Niklaus Zettel) den Mundgeruch der Thisbe, alias Blasebalgflicker Franz Flaut (mit Luftballons als Busen, die platzten, als er/sie sich beim Anblick des toten Pyramus erdolchte), mit einem Mundspray.

Die schauspielerischen, gesanglichen und tänzerischen Talente des gesamten Ensembles, die Auswahl der jeweils passenden Musik mit Leitmotivcharakter machten den Sommernachtstraum zu einem großen harmonischen Ganzen. Brigitte Janoschka