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Spannende Zeitreise durch München und Umgebung

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Freude in ganz Nachkriegs-München: das »Donisl« ist wieder auf. Georg Fruhstorfer hielt die Wiedereröffnung 1948/49 fotografisch fest. (Foto: Gärtner)

Das waren noch Zeiten! Als die Trambahn über den Münchner Marienplatz ratterte. Als eine Maß Bier 1,90 Mark kostete: ja, 1960 auf dem Oktoberfest! Als vor 70 Jahren am Sendlinger Tor Erich Kästners Romanverfilmung »Das doppeltes Lottchen« Premiere hatte. Als nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter dem Motto »Rama dama« ganz München, noch amerikanisch besetzt, zur Schuttbeseitigung aufgerufen wurde. Als der Reiner Zimnik sich eine Isetta leistete. Als 1954 vorm »Oberpollinger« die Fußball-Nationalspieler nach ihrem WM-Sieg empfangen wurden. Und und und.


Auf hunderten von Fotos sind historische Ereignisse geringer und großer Bedeutung festgehalten. Als Beweisstücke. »MÜNCHEN. SCHAU her!« nannte die Bayerische Staatsbibliothek nicht ganz zu Unrecht ihre fünfteilige Superschau, mit der sie vor allem Nostalgiker ins erste Obergeschoß lockt. Nach der Corona-bedingten Schließung ist die Ausstellung jetzt wieder mit Einschränkungen bis einschließlich 31. Juli zu besichtigen.

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Cornelia Jahn zeigt erstmals das ihr anvertraute Bildarchiv. Als Reise durch die Geschichte der (bayerischen) Fotografie. Am liebsten zeigte die ehrgeizige Kuratorin alle 17 Millionen Fotos, die in ihrer Gesamtheit einen Platz im Guinessbuch der Rekorde verdienten: als größtes Bildarchiv in öffentlicher Trägerschaft. Doch Jahn war klug genug, eine Auswahl von 270 Exponaten zu treffen, mit denen sie Treppenhaus, Fürstensaal und beide »Schatzkammern« bespielt. Sie beginnt, Chronik-Ordnung muss sein, mit Belegen zu frühen fotografischen Techniken (1839 bis 1914). Die Unikate verlangen Lichtschutz.

Nur hinein in die Dunkel-Kammern! Da sind Schätze optisch zu heben. Frühe König Ludwig II.-Fotos von Hoffotograf Joseph Albert. Ein Porträt vom »Lehrer Bayerns«, dem Philologen Friedrich Thiersch, das Alois Löcherer gelang. Edle Stücke aus der Werkstatt Franz Seraph Hanfstaengls. Fotohistoriker geraten ins Schwärmen, auch wenn sie weiter müssen – etwa zu Städteansichten aus Ludwig Ganghofers Anthologie »Das Land der Bayern« (1918) oder zu frühen Aufnahmen von der Besteigung der Zugspitze des gerade wiederentdeckten Altmeisters der Alpinfotografie, Bernhard Johannes, 1899 erst 51-jährig gestorben.

Spätestens hier wird dem Besucher klar: Nicht nur das alte München, auch ein bisserl was aus der damals touristisch aufblühenden Umgebung, etwa das Werdenfelser Land, kommen mit erlesenen Exemplaren dran. Viele gewinnen dem Betrachter ein Lächeln ab. Ernüchtert ist er, wenn er zum Modul »München 1914 bis 1945« weiterzieht: ernste Dokumente, großteils aus dem Archiv von Heinrich Hoffmann (1885 bis 1957). Fotos von Georg Fruhstorfer, Helmut Silchmüller und Tino Walz bestücken das traurige Kapitel »Kriegszerstörung und Wiederaufbau«. Erheiterndes kann man da an den fünf Fingern einer Hand abzählen. Das fürs Katalog-Cover benützte Foto zählt dazu: Fruhstorfers Schnappschuss vom wiedereröffneten »Donisl« (1948/49). Jahn spricht von einem »Symbol der langsamen Normalisierung der Nachkriegszeit«.

Aufatmen und in Erinnerungen schwelgen – das kann man im Treppenhaus-Gang, bei »Kultur, Kultur, Kultur!« Orff mit Sawallisch bei »Antigone«-Proben im 1975 bereits 12 Jahre wiedereröffneten Nationaltheater. Bernstein beim BR-Sinfonieorchester im selben Jahr. Lohmeier mit Schmidt-Wildy in der ZDF-Serie »Zwickelbach & Co.«. Mosi im Bayerischen Hof, als er (1979) noch ein ansehnlicher Gesellschaftslöwe war. Felicitas Timpe, die 2006 verstorbene Grand Dame der Münchner Kulturfotografie – sie lebe hoch!

Geöffnet ist »MÜNCHEN. SCHAU her!« Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr. Aufgrund der derzeit geltenden Hygiene- und Kontaktvorgaben können maximal 31 Personen gleichzeitig die Ausstellung besuchen. Besucherinnen und Besucher müssen zudem in den Ausstellungsräumen einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Hans Gärtner