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Spiel mir das Lied vom Tod

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Die Sänger Asmik Grigorian und Matthias Goerne wurden von einem nur 19-köpfigen Kammerorchester unter Franz Welser-Möst begleitet. (Foto: Borelli/Festspiele)

Der Tod, der in Mussorgskijs Liedern und Tänzen des Todes unter anderem zum Trepak lädt, hat auch ganz andere Tanzschritte parat. Dmitri Schostakowitsch lässt ihn in seiner Symphonie Nr. 14 unter anderem eine Taverne besuchen, und da schwingt der Sensenmann sein Gerät auf ziemlich charmante, aber umso gefährlichere Weise auch im Walzertakt.


Zwischen Gespensthaftigkeit und Aggression wechselt der Tonfall in dieser Episode (auf einen Text von Federico García Lorca), aber das trifft ja irgendwie auf die meisten Teile dieser 1969 uraufgeführten Lied-Symphonie für Kammerorchester und zwei Singstimmen zu. Der symphonische Totentanz, im Großen Festspielhaus von den Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst, mit Asmik Grigorian und Matthias Goerne gestaltet, war auch ein anschauliches Beispiel für die unaufdringliche, aber nachhaltige Programmdramaturgie der Festspiele: Die Lacrimae (Tränen) der Ouverture spirituelle sind noch nicht vertrocknet. Vier Tage zuvor erst hat Christian Gerhaher den Mussorgskij-Liederzyklus gesungen, auf den Schostakowitsch in seiner Symphonie Nr. 14 so stark Bezug nimmt und den er damit weiterschreiben wollte. Und Schostakowitsch’ Fünfte Symphonie, mit der der Komponist in der Stalin-Ära quasi seinen Hals aus der Schlinge der Kunstzensoren zog, war am Vorabend zu hören. Da lernt man dazu...

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Auch auffallend und der Dramaturgie geschuldet: Nicht mit der Klangüppigkeit der Strauss’schen Tondichtung Tod und Verklärung hat man in dem Konzert die Zuhörer zum Mittagessen geschickt. Die war schon, wie Wagners Parsifal-Vorspiel, vor der Pause dran. In den Tag mitgenommen hat man den pointiert kammermusikalischen Streichersatz des Schostakowitsch-Werks, dem Franz Welser-Möst mit einer nur 19-köpfigen Streichercrew der Wiener Philharmoniker strukturelle Klarheit, aber auch viel Wärme und – bei allem sachlichen Zugang – gehörige Emotion mitzugeben wusste.

Ganz entscheidend, dass das auch im vokalen Idiom passt: Asmik Grigorian, die ja demnächst wieder als Salome zu hören sein wird, hat bestätigt, wie präzis sie ihren Sopran einzusetzen weiß, ohne ein falsches Vibrato, ohne eine Verdickung, und doch in jedem Moment durchsetzungskräftig und sinnlich in der Ausstrahlung. Es bringt etwas, den Männerpart nicht einem Bass, sondern einem Bariton anzuvertrauen. Matthias Goernes Stimme wirkt in der hier zumeist gefragten Lage doppelt schwarz. Auch er ein Textgestalter mit Gespür fürs Maßhalten – die Musik ist krass genug, kontrolliert und gebändigt aber von Franz Welser-Möst, dass die beiden eben wunderbar zurückhaltend sich haben einlassen können auf den russischsprachigen Text.

Keine Überraschung in der ersten Konzerthälfte: Dass die Wiener Philharmoniker absolut eins sind mit Welser-Möst, wenn es um Wagner und Richard Strauss geht. Schon eine Überraschung: Dass man das Parsifal-Vorspiel und Tod und Verklärung fugenlos aneinanderbinden kann und man darin nicht den leisesten Bruch empfindet. Reinhard Kriechbaum