weather-image
29°

Stärken und Schwächen des digitalen Bergführers

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Mit GPS und Wander-App kann man sich auch in den Berchtesgadener Bergen gut zurechtfinden. Aber nur dann, wenn man sich damit auskennt. Und wenn man einen »Plan B« hat. (Foto: Kastner)

Berchtesgaden – Auf einen Bergführer ist in der Regel hundertprozentig Verlass: Er plant die Tour, schätzt das Können seines Gastes richtig ein, kennt die Gefahren am Berg und auch den schnellsten Weg zurück ins Tal.


Viele Qualitäten kann auch die digitale Version des Bergführers haben, also ein GPS-Gerät oder eine Wander-App (beispielsweise www.alpenvereinaktiv.com oder Nationalpark Berchtesgaden) fürs Smartphone. Doch wer sich zu hundert Prozent auf die Elektronik verlässt und das Lesen einer Landkarte für nicht mehr notwendig hält, der landet schnell in der Irre. Die Bergwachtbereitschaften im Berchtesgadener Land wissen ein Lied davon zu singen.

Anzeige

Keine Ahnung von den Geländeverhältnissen in den Berchtesgadener Bergen hatte ein junges chinesisches Pärchen, das im April 2017 von St. Bartholomä aus loszog, um die Gegend zu erkunden. Die Smartphone-App der beiden zeigte deutlich alle Wege und Steige in der Umgebung an. So waren sich die beiden sicher, am Ende über irgendeinen Umweg wieder in Berchtesgaden zu landen. Die beträchtlichen Höhenunterschiede und vor allem die unterschiedlichen Anforderungen der Steige zogen die beiden aber nicht ins Kalkül. Und so marschierten sie zunächst problemlos hinauf in Richtung Schrainbachalm, wo ihnen das GPS-Signal fast metergenau die Abzweigung zum sogenannten "Neiger" präsentierte.

Um diesen in früherer Zeit als Viehtriebssteig genutzten Pfad zu finden, muss man normalerweise ein guter Gebietskenner sein. Die beiden Chinesen aber fanden die Spur auch so und gelangten hinunter zum Obersee. Dort gelangten sie – wieder mit striktem Blick auf das Handy-Display – zur Überzeugung, dass der beste Weg zurück über den Röthsteig führt. Dass die Situation für das schlecht ausgerüstete Pärchen mittlerweile ausweglos geworden war, erkannten die beiden viel zu spät. Im Rahmen einer großen Rettungsaktion mussten sie von der Bergwacht Berchtesgaden mit Unterstützung des Polizeihubschraubers geborgen werden.

"Wir hatten schon mehrere ähnliche, zumeist aber nicht so aufwendige Einsätze", sagt Stephan Bauhofer von der Bergwacht Berchtesgaden. Der erfahrene Bergretter ist überzeugt, dass sich solche Vorfälle in den nächsten Jahren häufen werden. Dabei ist Bauhofer nicht grundsätzlich ein Gegner der GPS-Navigation beim Bergsteigen. "Wenn man in unbekanntem Gelände unterwegs ist oder bei Nebel, macht es durchaus Sinn", sagt der Bergwachtmann.

GPS und Koordinaten immer bereithalten

Allerdings kritisiert Bauhofer, dass viele Wanderer und Bergsteiger mit ihren GPS-Geräten und Smartphone-Apps nicht richtig umgehen könnten. Auch die Auswahl der App sei oft entscheidend für den Erfolg. "In Google Maps sind beispielsweise so gut wie alle Steige eingetragen, auch die ganz kleinen Pfade, die man als Nicht-Gebietskenner lieber nicht begehen sollte." Außerdem zeigt Google Maps keine Koordinaten an, die man den Rettungskräften im Notfall mitteilen könnte.

"Viele Anrufer können uns nicht einmal mitteilen, wo sie sich überhaupt befinden", weiß auch Christian Wolf, stellvertretender Bereitschaftsleiter der Bergwacht Berchtesgaden. Es gibt dann noch die Möglichkeit, dass die in Bergnot Geratenen über eine von der Bergwacht verschickte SMS einen Link bestätigen und damit die eigenen Koordinaten freigeben. "Aber das schaffen leider viele auch nicht", sagt Wolf.

Auch Karte und Kompass gehören zur Standard-Ausrüstung

"GPS zur Orientierung hat schon seine Vorteile", betont Stephan Bauhofer. Er rät allerdings dazu, sich nicht nur auf die Technik zu verlassen. Die kann schließlich auch einmal versagen, beispielsweise wenn der Akku leer ist. "Man sollte immer einen Plan B haben", rät Bauhofer. Das könnte die Mitnahme von Karte und Kompass sein oder einfach eine gute Tourenvorbereitung.

Ähnlich sieht man es auf der Internetseite www.gpswandern.de: "Die Höhen- und Entfernungsangaben, die Sie den jeweiligen Höhendiagrammen entnehmen können, sind im Rahmen der GPS-Genauigkeit mit Vorsicht zu genießen. Bei schlechter Empfangslage können schon Abweichungen von einigen 10 oder 100 Metern auftreten, bei Höhenangaben auch mehr." Als Fazit hält man fest: "Bringen Sie sich nicht in Abhängigkeit von Ihrem GPS-Empfänger, sondern verstehen Sie ihn als Bereicherung."

Bernhard Kühnhauser, Geschäftsführer der Alpenvereinssektion Berchtesgaden, weiß, dass "wir mit den modernen Medien leben müssen". Er ist aber auch davon überzeugt, dass man noch nicht ausreichend darauf vorbereitet sei. Viele Touristen könnten mit den Apps nicht richtig umgehen, Höhenprofile würden zumeist gar nicht abgerufen. Die Notruftaste finden letztendlich aber fast alle. Ulli Kastner