weather-image
25°
Erstbegehungen in Fels und Eis auf Borneo und Madagaskar sowie in Kirgistan – 170 Zuschauer im Kongresshaus

Steile Wände am Ende der Welt

Berchtesgaden – Sie lieben das Abenteuer, ferne Länder und steilen Fels. All das hatten das Bergführer-Ehepaar Nina und Christian Schlesener sowie ihr Spezl Seppi Pfnür bei mehreren Kletterreisen in exotische Länder. Rund 170 Zuschauer ließ das Trio am Samstag bei einem Vortrag auf der BERGinale im Kongresshaus teilhaben an seinen außergewöhnlichen Erstbegehungen in Kirgistan, auf Borneo und Madagaskar.

Auf Madagaskar hatten die Berchtesgadener Kletterer schnell Freunde gefunden. (Fotos: privat)

Zusammen mit ihrem Spezl Stefan Glowacz, wohl der bekannteste deutsche Profikletterer, waren Nina und Christian Schlesener auf Borneo auf Neulandsuche. Auf der Insel in Malaysia kämpfte man allerdings nicht nur mit den Schwierigkeiten am Felsen, sondern vor allem mit dem Bürokratismus und den täglichen Wolkenbrüchen, wie Nina Schlesener zu berichten wusste. Ziel war eine Erstbegehung am Victorious Peak, der zum Massiv des auch bei Touristen beliebten Viertausenders Kinabalu gehört.

Anzeige

»Jeden Tag gab es wolkenbruchartige Regenfälle, sodass wir immer wieder in Windeseile zurück zur Hütte mussten«, erzählte Nina Schlesener. Weil der Regen so überraschend kam, musste sogar in Gore-Tex-Jacken geklettert werden – und das bei Schwierigkeiten bis zum Grad 9+/10-. Trotz der instabilen Wetterlage arbeitete man sich langsam höher – bis die 270 Meter lange Route vollendet war.

Beim Klettertrip auf Madagaskar hatte das Berchtesgadener Bergführer-Ehepaar mehrere Freunde dabei, unter anderen den starken Schönauer Kletterer Seppi Pfnür. In seinen Vortrag hatte Christian Schlesener viel Wissenswertes über Land und Leute eingebaut, schließlich gibt es auf Madagaskar viel Neues zu entdecken. »Rund 80 Prozent der Pflanzen, die auf Madagaskar wachsen, gibt es nur hier«, wusste der Bergführer. Auch viele exotische Tierarten findet man hier, manche schmecken sogar sehr gut. Bei getrockneten Heuschrecken konnte das Christian Schlesener jedenfalls bestätigen.

Zwei neue Routen im 9. Grad

Geklettert wurde aber auf Madagaskar auch. Im Tsaranoro-Massiv stießen sie auf eine 900 Meter hohe Granitwand, die der Kletterpionier Kurt Albert und seine Gefährten bereits im Jahr 1995 erstmals durchstiegen hatten. Aufgrund von Zeitmangel und des mit Flechten bewachsenen Felsens verzichteten die Kletterer aber auf eine Erstbegehung im zentralen Wandteil und wandten sich niedrigeren Felsen zu. In dreiwöchiger »Arbeit« mit der Bohrmaschine entstanden zwei bis zu 400 Meter lange Routen im 9. Grad.

Potenziellen Wiederholern machte Christian Schlesener Mut: »Ambitionierte Kletterer, die exotische Länder mögen, sollten sich das nicht entgehen lassen.« Freilich erkundete die Gruppe zum Abschluss ihrer Reise noch einmal das Land. Hoch erfreut waren alle, als sie einen völlig einsamen Strand entdeckten und dort einen Tag lang das Leben genossen. Erst später erfuhren sie den Grund für die Einsamkeit.: Die Einheimischen benutzen ausgerechnet diesen Strandabschnitt als Toilette.

Neulandsuche in Kirgistan

Schon vier Tage nach seiner Rückkehr aus Afrika saß »Steno« Seppi Pfnür erneut im Flugzeug. Diesmal ging es in Richtung Osten – nach Kirgistan. Es handelte sich um die Abschlussexpedition des aktuellen DAV-Expeditionskaders, dem Seppi Pfnür angehörte. Auch hier gab es Herausforderungen ungeahnter Art zu bewältigen. Die erste tat sich gleich nach der Ankunft auf, denn Pfnürs sämtliches Gepäck war abgängig. Überlegungen, die Kletterreise vorzeitig abzubrechen und nach Hause zurückzukehren, verwarf der Schönauer wieder. Seine Freunde hatten ihm signalisiert, dass man ihm Kleidung und Material leihen könne. So kam es dann auch, wenngleich eine Unterhose schon einmal 14 Tage getragen werden musste.

Zwei Stationen hatte sich die Expedition für ihre Unternehmungen in Fels und Eis ausgesucht: im Ala Artscha-Nationalpark und im zentralen Tien-Shan-Gebirge. Eine besonders spektakuläre Erstbegehung gelang Seppi Pfnür und seinen Gefährten während der ersten Station am Otkrytyj (5 664 Meter). Hier kletterte man an der Westflanke eine 1 400 Meter hohe und bis zu 65 Grad steile Route zum Gipfel.

Größere Probleme als das Klettern bereitete kurz darauf der Umzug in ein anderes Basislager im Tien-Shan-Gebirge. Der angeforderte Militärhubschrauber hob nämlich wegen Überladung erst gar nicht ab. Da mussten doch tatsächlich mehrere Flüge unternommen werden. »Wer sich in der Gegend ein wenig umsieht, der merkt schnell, dass das Fliegen in dieser Gegend nicht so ganz ungefährlich ist«, schmunzelte Seppi Pfnür und präsentierte Bilder von Wrackteilen im Gletschereis.

30-Meter-Sturz ins Seil

Wunderschöne weitere Touren, die meisten im Eis, genossen die Teilnehmer noch zum Ende der Abschlussexpedition. Allerdings zeigte der Begehungsversuch eines Eisschlauches dem Schönauer auch seine Grenzen auf. Nach einem haarsträubenden 30-Meter-Sturz ins Seil entschloss man sich doch lieber zum Rückzug. Immerhin ist pünktlich zur Rückreise nach Deutschland auch Seppi Pfnürs Ausrüstung angekommen.

Die 18. BERGinale geht heute Abend mit zwei Präsentationen zu Ende. Um 18.15 Uhr läuft im Kino der Dokumentarfilm »Pedal the world« von Felix Starck. Der Vortrag »Cycling Eurasia« von Stephan Schreckenbach setzt um 20.15 Uhr im Kleinen Saal einen Schlusspunkt hinter das diesjährige Multivisions-Festival. Ulli Kastner