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Stephan Wolter und Hermann Wagner stellen in der Städtischen Galerie Traunstein aus

Stille Welt – Annäherung an die Abstraktion

Bei der gut besuchten Ausstellungseröffnung in der Städtischen Galerie Traunstein wies Oberbürgermeister Kösterke in seinem Grußwort darauf hin, dass mit dem Pforzheimer Ste-phan Wolter und dem Seeoner Maler Hermann Wagner das Werk von zwei Künstlern aus zwei Generationen gezeigt werde: Stephan Wolter wurde 1955 geboren und Hermann Wagner feierte im vergangenen Jahr seinen 85. Geburtstag. Die beiden kannten sich vor der Ausstellung nicht, und doch sei nun – dank der schlüssigen Hängung – eine sehr stimmige und interessante Ausstellung entstanden, in der die Werke zweier renommierter Künstler in einen interessanten Dialog miteinander treten.

In der Städtischen Galerie sind aktuelle Arbeiten von Hermann Wagner und Stephan Wolter zu sehen.

Die Zeichnungen, Bildobjekte und die Malerei von Stephan Wolter können an einer Schnitt-stelle zwischen kühler und präziser Abstraktion einerseits und sinnlicher Oberflächenbehandlung, kombiniert mit einer spontanen und expressiven Linienführung andererseits verortet werden. Seine stets sorgfältig ausgeklügelten, die Gesetzmäßigkeiten der visuellen Wahrnehmung ausreizenden Bildkompositionen arbeiten mit den Grundkonstanten der Malerei, die da sind Fläche, Linie, Raum, Körper, Farbe und Materialität der Oberfläche.

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Geometrische Figuren werden mit bestechender Präzision auf ihre Ausgangsform verknappt, gekippt, gewendet oder aufgerichtet. Nicht nur einmal muss der Betrachter nah an die Arbeiten herantreten oder die Blickachse verändern, um überhaupt feststellen zu können, ob die wahrgenommene Räumlichkeit allein durch malerische Mittel als optische Illusion im Auge des Betrachters hervorgerufen wird oder ob Stephan Wolter tatsächlich den zweidimensionalen Bildträger durch das Einfügen von zusätzlichen Schichten oder erhabenen Objekten in die Dreidimensionalität überführt.

In seinen von ihm als »Bildobjekte« bezeichneten Werken werden die uns zur Verfügung stehenden Konzepte von Raum, Fläche und Körper, deren Wesen und Erscheinung auf vielfältige Weise hinterfragt. Die Kombination von Aluminium und Plexiglas zu einem Bilduntergrund ermöglicht es zum Beispiel in der Serie »Flächenverschiebung«, dass die darauf aufgebrachte Ölfarbe oder der Lack je nach Materialität des Malgrundes zu völlig unterschiedlichen Wirkungen führt: opake und milchige Flächen werden gegen lasierend transparente Partien gestellt.

Den Arbeiten des Künstlers Stephan Wolter zur Seite gestellt sind einige wenige »weiße Bilder« von Hermann Wagner. Die »weißen Bilder« sind eine kleine Serie aus einem mittlerweile umfangreichen Werk, das sich der in unserer Region sehr bekannte Maler seit 25 Jahren Schritt für Schritt und mit beharrlicher Konsequenz erarbeitet hat. Nach einer kurzen gegenständlichen Phase, in welcher vor allem expressive Landschaften entstanden, widmete sich Wagner zunächst Ende der 1980er Jahre einer informellen und gestischen Bildsprache. Charakteristisch dafür waren schrundige, mit Materialresten angereicherte, wild aufgeworfene Oberflächen, ein impulsiver Pinselstrich, eher dunkle Tonwerte und einzelne Chiffren und Zeichen in einem sonst abstrakten Bildkosmos.

In den von Hermann Wagner als »Spaltenbilder« bezeichneten Gemälden verdichtet sich dann das Motiv des Auf- und Durchbrechens zu anderen Dimensionen der Realitätswahrnehmung in zunehmend klarer Form und in teils leuchtender Farbigkeit. Der Bildträger ist mehr oder weniger monochrom, die Oberfläche glatt und glänzend oder von feinen Strukturen durchzogen und eine dominante, pulsierende Mittellinie, die farblich und materiell meist nur eine Nuance zum Gesamtton darstellt, suggeriert den Ausblick in eine unter, hinter oder sogar vor der Oberfläche verborgene Wirklichkeit.

Diese stillen Bilder von Hermann Wagner können auf den Betrachter eine meditative und die Kontemplation und das Innehalten fördernde Wirkung haben. Bei den »weißen Bildern«, auf die sich die schöne Auswahl bei dieser Ausstellung beschränkt, verstärkt sich die Wahrnehmung und Empfindung des Lichtes zusätzlich, das in fast allen Arbeiten in Hermann Wagners Werk von zentraler Bedeutung ist.

Weiß als Reflexion des Lichtes, Weiß als Nichtfarbe, die das optische Ergebnis der Summe aller Komplementärfarben ist: In Hermann Wagners Bildern gelingt es, nicht nur einen Gegensatz und ein Paradox, die unsere Alltagswirklichkeit bestimmen, miteinander zu versöhnen. Die Bilder verströmen eine von Spannung erfüllte Leere, eine Ruhe, die lebt, ein Nichts, das alles beinhaltet.

Und so vermittelt die aktuelle Ausstellung mit den Werken von Stephan Wolter und Hermann Wagner nicht nur Einsichten in Zielsetzung und Wirkkraft abstrakter Kunst, sondern lässt den Ausstellungsgast eintauchen in eine stille Welt voller Erkenntnis und Konzentration auf das Wesentliche.

Im Rahmenprogramm der Chiemgauer Kulturtage findet ein Ausstellungsrundgang mit Judith Bader, der Leiterin der Städtischen Galerie Traunstein, am Dienstag um 10 Uhr statt. Weitere Ausstellungsrundgänge sind angesetzt für Sonntag, 1. Juni, und Sonntag, 15. Juni, jeweils um 15 Uhr. Die Ausstellung dauert bis 15. Juni, geöffnet ist die Städtische Galerie Mittwoch bis Freitag von 15 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Judith Bader