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Straßenhass

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Das Glück liegt auf der Straße, hieß es früher. Auf der Straße nach Süden war der Weg das Ziel. Wir gaben Gas, wir wollten Spaß. Wir fuhr’n, fuhr’n, fuhr’n auf der Autobahn bis zu den Dreien von der Tankstelle. Aus Freude am Fahren.

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Doch damit ist jetzt Schluss. Der Diesel ist dreckig, das Benzin viel zu teuer und mit den Elektroautos kommt man eh nicht weit. Zu allem Verdruss ist auch noch das Efeu des Franziskanerhauses in Berchtesgaden weg. Schuld daran sind natürlich die Flüchtlinge. Oder war’s die AfD? Oder doch Horst Söder? Is eigentlich a wurscht. Hauptsache: HASS. Der muss raus. Raus in die Welt oder zumindest rein in die Filter Bubble. Weil, das ist ja das Schöne an der Hassrede auf Facebook. Man hat so viele Gleichgesinnte. Deshalb macht dort Hass mehr Spaß.

Hass ist aber nicht erst seit der Verbreitung der Asozialen Medien beliebt. Es gibt ihn schon lange. Früher hassten sich meist verschiedene Völker gegenseitig: Die Germanen hassten die Römer, die Römer hassten die Griechen und die Griechen die Perser, die wiederum die Türken verabscheuten. Und die Königsseer konnten die Schönauer nicht leiden. Die beliebtesten Hassobjekte heute sind (in absteigender Reihenfolge): Flüchtlinge, Merkel, Journalisten, Raucher, Putin, Trump, Jäger, Vegetarier, Veganer, Fleischesser, Nestlé, katholische Priester. Salonfähiger Hass hat so was Versöhnliches. Er schweißt Peer Groups zusammen, stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

Neuerdings ganz oben in der Beliebtheitsskala der Hater im Berchtesgadener Land stehen Sportwagenfahrer und/oder Motorradfahrer. Klingen die Hassgründe halbwegs plausibel, kann man hier pöbeln, diffamieren und beleidigen nach Lust und Laune. Veranstalter und Teilnehmer von Treffen und Ausfahrten werden behandelt wie der letzte Dreck, weil Autos so viel Dreck machen. Der Straßenhassvirus ist so aggressiv, dass er Infizierte komplett verblödet. Belegen möchte ich das mit einem Vorfall, der sich tatsächlich so zugetragen hat. Da kommt mir doch neulich der Weber Sepp (Name geändert) in seinem getunten 550-PS-BMW entgegen. Frag ich: "Häh, Sepp, duast 'n' do?" Sagt der Sepp: "Autos schaung, Sportwagentreffen, Roßfeld". Soweit, so gut. Dann schimpft der Sepp: "Sportwong, laut, dreckig, Penisersatz, Hass". Vollgas. Vollspast. Christian Fischer