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Streichmusik für Kannibalen

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Erlöst lächelte nach der »Kannibalen-Musik« das Szymanowski Quartett mit (von links) Agata Szymczewska, Robert Kowalski (Violinen), Karol Marianowski (Cello) und Volodia Mykytka (Viola). (Foto: Janka)

Seit 25 Jahren schon spielt das Szymanowski Quartett miteinander, seit kurzem mit dem phänomenalen Cellisten Karol Marianowski, der sich bestens integriert in das Spiel der Primaria Agata Szymczewska, des zweiten Geigers Robert Kowalski und des Bratschers Volodia Mykytka. Bekannt ist dieses Quartett dafür, dass es sich immer wieder neuen Komponisten öffnet – auch in Traunstein bei den Sommerkonzerten.


Beim Beethoven-Spiel, seinem op. 18/4, konnte das Publikum den spezifischen Stil dieses auf allen Plätzen hervorragend besetzten Quartetts gut studieren: Eine gereifte Meisterschaft, die nichts mehr beweisen muss, eine gelassene Souveränität, beherrschte Intensität und ein satt-sämiger Ton prägen das Spiel der Vier. Das Zusammenspiel gelingt im blinden Vertrauen auf die Zehntelsekunde genau, jedes gezielte Ritardando geht synchron, sie genießen die Beethoven’schen kapriziösen Einfälle und überraschenden harmonischen Ausflüge, die samten-sanfte Scherzhaftigkeit der beiden Mittelsätze und das heiter jagende Prestissimo des Finalsatzes.

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Doch das Unerhörte ereignete sich davor: Dem diesjährigen Motto der Traunsteiner Sommerkonzerte folgend, stand ein Werk einer englischen Komponistin auf dem Programm: »What the Waleship saw« der 1967 geborenen Deirdre Gribbin. Es ist dem Szymanowski Quartett gewidmet und wurde auch von ihm uraufgeführt. Inspiriert ist dieses dreiteilige Streichquartett von einer grausigen Geschichte: 1820 wurde ein Walfangschiff von einem Wal gerammt und sank, die Seeleute retteten sich in offene Boote, auf denen sie drei Monate lang auf dem Ozean schipperten. Von zwanzig Mann überlebten acht. Sie lebten von sechs Crewmitgliedern, die sie aßen. Weil diese Kameraden zu langsam starben, wurde gelost, wer als nächster sterben musste. Kannibalismus als Überlebensstrategie. Streichmusik also für Kannibalen, Streichmusik, die »die dunkelsten Seiten des Lebens« schildern soll, wie Robert Kowalski erklärte.

Und in der Tat war das eine aufrüttelnde, aufwühlende und aufreibende Musik, zuerst erregend flirrend, dann eine musikalische Hölle voller Fortissimo-Tremoli, die wieder in trügerische, irisierend flimmernde Ruhe verdämmerte. Mit letzter Hingabe spielte das Quartett diese brutale und doch schöne Musik.

Begonnen hatte der Abend mit dem Streichquartett Nr. 3 op. 94 von Benjamin Britten. Noble Kantabilität entdeckte das Szymanowski Quartett in dieser Musik voll unruhig wandernden Klängen, die sich oft ins Zarte bergen. Mit inniger Zärtlichkeit und schmerzlicher Süße spielte die Primaria, meist in hoher Lage, ihr Solo im dritten Satz, kraftvoll tanzte die Burleske und ganz transparent war die von Britten kunstvoll verschleierte Passacaglia im Finalsatz. Nach so viel englischer Musik kehrte das polnische Quartett in der Zugabe zu seinen polnischen Wurzeln zurück: Wehmütig singend erklang als ein wirkliches Herzensanliegen das letzte, unvollendete Streichquartett von Krzysztof Penderecki, der im März gestorben ist.

Rainer W. Janka