Streichquartett goes Saxofon

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Die mit den Saxofonen tanzten Blaž Kemperle (Sopransaxofon, von links), Hayrapet Arakelyan (Altsaxofon), Alan Lužar (Tenorsaxofon) und Guerino Bellarosa (Baritonsaxofon). (Foto: Benekam)

Können Bläser streichen? Antonìn Dvoráks Streichquartett F-Dur op. 96, sein »Amerikanisches«, in üblicher Besetzung mit zwei Violinen, Viola und Violoncello – einfach mal »neu gemischt«, also neu arrangiert?

Statt den Streichinstrumenten werden die Instrumentalstimmen von vier Saxofonen – Sopran-, Alt-, Tenor und Baritonsaxofon ersetzt. Befremdlich, allein schon die Vorstellung: Streichquartett goes Saxofon. Unbedingte Voraussetzung wäre höchste Virtuosität, ein sensibler Umgang mit der (Ur-)Komposition und ein gewisses Maß an unerschrockener Experimentierfreude. Und genau damit machten die erstaunten Zuhörer des fünften Traunsteiner Sommerkonzerts im Kulturforum Klosterkirche ganz neue Klangerfahrungen.

Denn die vier Saxofonvirtuosen, Blaž Kemperle (Sopransaxofon), Hayrapet Arakelyan (Altsaxofon), Alan Lužar (Tenorsaxofon) und Guerino Bellarosa (Baritonsaxofon), das Signum Saxophone Quartett, würzten Dvoráks Streichersüppchen ganz neu: Chilischarf mit ungewohnten klanglichen Geschmacksverstärkern, sprengten sie die Grenze des Vorstellbaren. So erklang Dvoráks Komposition, die 1893 in den Ferien in Iowa unter dem Eindruck glücklicher Augenblicke und inspirativer Naturerlebnisse entstanden ist, in der Traunsteiner Klosterkirche und vermittelte genau das: Lebensfreude.

Nachdem man sich »eingehört« hatte, war die ursprüngliche Streichkomposition schnell »vergessen«. Und die Neue betörte in saxofonisierter Verwandlung und ließ damit – im Charakter der amerikanischen Volks- und populären Musik aber ohne ihre Streicherwurzeln zu verraten – das scheinbar Unvorstellbare zum ultimativen Klangerlebnis werden. Dvorák hätte gestaunt.

Weniger beglückende Wirkung, um nicht zu sagen das genaue Gegenteil davon, brachte das zweite Werk ins Konzert ein: Das Saxofonquartett von Tzvi Avni ist geprägt von Dissonanz und verursacht beim Zuhörer genau diese Emotion. Als Sohn polnischer Juden und gebürtiger Saarbrücker gilt Tzvi Avni als kultureller Brückenbauer zwischen Deutschland und Israel. Seine Komposition kommt wie die Erzählung einer fast verstörenden Geschichte daher. Schräge Töne mit vielen »Überraschungsmomenten«, kurze Pausen nach plötzlichen Abbrüchen, dynamische Rhythmuswechsel, wobei die vier Stimmen immer wieder in dialogischen Austausch gehen – anklagend, fragend, dann wieder in langgezogenen Linien in tiefer Tonart versöhnliche Harmonie suchend: Für den Zuhörer kein leichter Tobak, doch am Ende löst sich der musikalische Zwist im Versöhnlichen.

Wie wohl tat da im Anschluss Tomaso Giovanni Albinonis Adagio in g-Moll, welches die vier Musiker, mit einem Höchstmaß an Sensibilität angereichert, der im letzten Jahr überraschend verstorbenen Leiterin der Traunsteiner Sommerkonzerte, Imke von Keisenberg, widmeten.

Malerische Broadwaymusik, beliebte Songs und Jazz Standards – damit avancierte George Gershwin zum »amerikanischen Ravel«. Seine »Three Preludes«, ursprünglich für Klavier komponiert, zünden auch im Arrangement für ein Saxofonquartett und entfachten als letzter Glanzpunkt des Sommerkonzerts veritable Glücksgefühle. Restlos begeistert und überwältigt von den scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten dieser Formation, spendeten die Sommerkonzertbesucher frenetischen Applaus.

Die vier Saxofonvirtuosen kredenzten in der Klosterkirche als Zugabe – unglaublich, aber wahr – Astor Piazzollas Tango-Komposition »Michelangelo 70« im Arrangement für Saxofonquartett – Saxofon goes also nicht nur Streichquartett, sondern auch Bandoneon, Violine, Gitarre, Kontrabass und Klavier. Besser geht nicht! Kirsten Benekam