weather-image
21°

Tanz ins Glück

1.0
1.0
Bildtext einblenden
Das Tanzensemble formt seine ganz eigenen »Körperwelten«, die in atemberaubender Bewegungsästhetik solistisch, im Pas de Deux oder in großer Formation euphorisierende Wirkung erzielen. (Foto: Landestheater)

Balacobaco ist der Titel des »Brasilianischen Ballettfestes«, welches in der neuen Spielstätte des Salzburger Landestheaters, dem Probenzentrum Aigen, uraufgeführt wurde.


Die Wortbedeutung aus dem Brasilianischen bedeutet übersetzt: Etwas Großartiges, der Superlativ für das Wunderbare, für überbordende Schönheit, Freude oder Glück. Und genau das überkommt den Zuschauer, der sich in den Rängen sitzend, bei all den schönen Bildern, ästhetischen Körpern und mitreißenden Rhythmen selbst vergisst. Keine tiefschürfenden Botschaften, keine fantastische Ballettkomposition eines großen Komponisten, die zugleich Fingerzeig in eine bestimmte Richtung ist, keine Pirouetten und auch kein Tütü.

Anzeige

Stattdessen tänzerische Körperkultur in Hochform mit Elementen, die an das Tanztheaterkonzept von Pina Bausch erinnern. Dezent gehaltene, aber geschmackvolle Kostümierung (Judith Adam) und ein kreativer Umgang mit puristisch gehaltenem Bühnenbild und Requisite. Kein Schnickschnack lenkt vom Wesentlichen ab. Reginaldo Oliveira, selbst Brasilianer und seit dieser Spielzeit Leitender Choreograf und Spartenleiter Ballett, ist seiner Idee konsequent treu geblieben und machte sein immer lächelndes Tanzensemble zu Gipfelstürmern ausgelassener Lebensfreude. Damit gelang es ihm zugleich, ein vielschichtiges Bild seiner Heimat zu malen: Lust am Leben, an der Liebe, am Tanz, an heißen lateinamerikanischen Rhythmen, bunte Farben und natürlich viel Musik.

In den Tanzchoreografien verarbeitet er in höchst expressiven Bewegungscollagen und -montagen interaktive Szenen: Flotte »Jungs« buhlen um heiße »Mädels«. Getanzte Flirts voller Freizügigkeit. In geschmackvoll stilisierter Andeutung zeigen die Tänzerinnen und Tänzer heißblütigen Sex. Der ungenierte Umgang mit dem Liebesspiel, den das Ensemble mit glaubhafter Leidenschaft umsetzt, stürzte das Publikum in prustendes Gelächter. Da wurden Liebespartner »getauscht«, man vergnügte sich zu zweit oder bei einem »flotten Dreier« und lebte hetero- wie homosexuelle Erotik. Das Tanzensemble formt seine ganz eigenen »Körperwelten«, die in atemberaubender Bewegungsästhetik solistisch, im Pas de Deux oder in großer Formation euphorisierende Wirkung erzielen.

Es entstanden immer neue fantastische Bilder, die durch die Wirkung von Licht- und Schatten, dem wohl dosierten Einsatz der Requisiten sowie einer tempo- und variationsreichen Musik verstärkt wurden. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen ihre kleinen, in sich geschlossenen »Geschichten«, in die Ränge des Publikums, durchbrechen mit ihrer ansteckenden Tanzwut rotzfrech die vierte Wand und entern ohne jegliche Scheu den Mittelgang als weitere Plattform ihres Tanztheaters.

Dort bringt das Tanzensemble mit einer äußerst witzigen Zungensprache, als eigener Rhythmusgeber und Bewegungsmotor, das Publikum zum Lachen und lässt es sich so selbst als Teil des Brasilianischen Freudentanzes spüren. So gibt Oliveira mit seinen unkonventionellen choreografischen Ausdrucksmitteln des Tanzes, mit wohl dosiertem Einsatz von pantomimischen Elementen und artistischen Einlagen, eine mögliche Antwort auf die Frage »Was ist Glück?«. Dass guter Tanz berauschendes Lebenselixier sein kann, erfuhren die restlos begeisterten Zuschauer, als sie am Ende der Vorstellung von den insgesamt 16 Tänzerinnen und Tänzern selbst auf die Bühne geholt wurden und sich am ausgelassenen Balacobaco beteiligen konnten.

»Balacobaco« wird noch bis zum 17. Juni im Probenzentrum des Landestheaters in Aigen, Aigenerstraße 52a, gespielt. Karten gibt’s unter Tel. 0043/ 662/871512222 und www.salzburger-landestheater.at. Kirsten Benekam