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Interview

«Tatort»-Regisseur Dominik Graf über die RAF-Zeit

Ein «Tatort», der Fragen aufwirft - das hat sich der Südwestrundfunk mit dem Stuttgarter Fall «Der rote Schatten» vorgenommen. Der RAF-Terror vor 40 Jahren beeinflusst die Ermittlungen der Kommissare. Für Regisseur Dominik Graf bleibt das Thema aktuell.

Dominik Graf
Regisseur Dominik Graf 2014 in Berlin. Foto: Tim Brakemeier Foto: dpanitf3

Stuttgart (dpa) - 40 Jahre nach dem Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) will der Stuttgarter «Tatort» eine Auseinandersetzung mit dem «Deutschen Herbst» anstoßen. In «Der rote Schatten» setzt der SWR auch dokumentarische Aufnahmen aus dem Jahr 1977 ein. Für Regisseur Dominik Graf wurde das Thema nicht genug aufgearbeitet, wie er im Interview der Deutschen Presse-Agentur sagt.

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Frage: Der neue Stuttgart-«Tatort» befasst sich mit der RAF-Zeit. Was hat sie daran gereizt?

Antwort: Ein Polizeithriller handelt immer von Ermittlungen und Nachforschungen. Kommissaren beim Nachforschen im Bereich der RAF zuzusehen finde ich extrem interessant.

Frage: Wie intensiv muss das Thema noch aufgearbeitet werden? Hat man das bisher nicht hinreichend genug getan?

Antwort: Das Thema wurde überwiegend einseitig aufgearbeitet. Viel zu viel Schlamperei und Vertuschung der staatlichen Behörden wurde und wird bei uns nach wie vor unter den Teppich gekehrt. Man muss zum Thema RAF eine völlig neue Qualität in die Perspektive der Geschichtsschreibung und in die Analyse der Ereignisse einführen. Man muss verstehen, dass sich im Nachkriegs-Westdeutschland zwei Generationen als Todfeinde gegenüberstanden. Die alten Nazis, überall noch präsent, und die nächste Generation, die eine Utopie hatte.

Frage: Wie haben Sie selbst diese Zeit erlebt?

Antwort: Ich habe ständig Faschismus im Alltag erlebt. Manche Lehrer, viele Beamte, fast das ganze damalige Staatspersonal bis hin zum Zugschaffner und Hausmeister, alles autoritäre Kettenhunde. Auf der Straße, in der Schule. Ich habe damals den Aufstand der Jungen gegen das Establishment der Bundesrepublik Deutschland (BRD) völlig verstanden. Gewalt aber hätte ich selbst nie anwenden können.

Frage: Der RAF-Terror ist 40 Jahre her. Ist das Thema angesichts der jüngsten Anschläge dennoch aktueller denn je?

Antwort: Das Thema RAF wird niemals un-aktuell, weil es eben letztlich ungeklärt ist. Es geht um die konkrete Schuld der staatlichen Organe einerseits, und es geht darum, eine neue Mentalitätsgeschichte dieser Revolte zu erforschen, die dann mal bitte nicht von den Regierenden und ihren Vasallen geschrieben wird.

Frage: V-Männer wie im aktuellen «Tatort» sind ein umstrittenes Thema. Sollte der Staat gemeinsame Sache mit Straftätern machen? Oder sind V-Leute letztlich unverzichtbar?

Antwort: Ermittlungstechnisch gesehen sind V-Leute im kriminellen Milieu weltweit unverzichtbar, glaube ich. Radikal ändern müssen sich aber die Behörden, die offenbar jede Art von Größenwahn und krimineller Energie ihrer Mitarbeiter und auch ihrer V-Mann-Führer dulden oder sogar unterstützen. Beamte im Höhenrausch müssen verschwinden.

ZUR PERSON: Mit zehn Grimme-Preisen und zahlreichen weiteren Auszeichnungen gilt der gebürtige Münchner Dominik Graf (65) als einer der erfolgreichsten Filmemacher Deutschlands. Mehr als 50 Filme hat er seit den 70er Jahren für Fernsehen und Kino gedreht. Bekannt wurde er vor allem durch seine Krimis.