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Texte der Nachkriegsjahre, verrucht und aufrüttelnd

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Sängerin Friederike Duetsch und Pianist Thomas Hartmann lieferten im Traunreuter k1 ihren ersten gemeinsamen Duo-Abend ab. (Foto: Kaiser)

»Berlin im Licht« von Kurt Weill und der Tucholsky-Text »Ideal und Wirklichkeit«, vertont von Hanns Eisler, rissen das Thema an, die lebensgierigen, »goldenen« zwanziger Jahre und das Abgleiten in die braune Diktatur. Die Sängerin Friederike Duetsch und der Pianist Thomas Hartmann, beide versiert in allen (wichtigen) Genres der Musik, lieferten im Traunreuter k1 ihren ersten gemeinsamen Duo-Abend mit Chansons vor allem von Kurt Weill und Edmund Nick ab.


»Zu Potsdam unter den Eichen« zeigte die Enttäuschung auf (»gekrochen einst mit Herz und Hand auf den Leim dem Vaterland«) – und doch ging's sehenden Auges in den Abgrund. Das richtig fiese »Chanson einer Hochwohlgeborenen« und das »Tangoliedchen: Ja das mit der Liebe« von Erich Kästner/E.Nick zeigten das schonungslos auf.

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Das Autoren-Duo Bert Brecht/K.Weill zeichnet die politische Intention aus, die in ihren genialen Texten und Melodien steckt und bisweilen auch heute noch überhört wird. Das sehnsüchtig-bedrohliche »Lied der Seeräuber-Jenny« (Dreigroschenoper, 1928) und »Surabaya Jonny« (»Nimm doch die Pfeife aus dem Maul, du Hund!«) und »Surabaya Jonny«, schwankend zwischen Hass und Ausgeliefert-Sein, beide aus »Happy End« (1929), dazu »Nannas Lied« (1939) vom »Liebesmarkt« (»Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?«) zeigten die kongeniale Meisterschaft der beiden Autoren. Friederike Duetsch boten sie reiche Möglichkeiten, die leisen, verhaltenen, aber auch die frechen, brutalen, ordinären und traurigen Töne ihrer Sangeskunst vorzustellen.

Thomas Hartmann begleitete und unterstützte sie souverän und eingefühlt. Mit dem parodierend grotesken »Ragtime« aus der gelobten und umstrittenen Suite 1922 op.2 von Paul Hindemith gönnte er sich und den Zuhörern ein witziges Schmankerl mit »Gebrauchsanweisung: Nimm keine Rücksicht aus das, was Du in der Klavierstunde gelernt hast. Überlege nicht, ob Du Dis mit den vierten oder dem sechsten Finger anschlagen musst... Betrachte das Klavier als eine interessante Art Schlagzeug und handle dementsprechend!«.

Nach der Pause wurden die Exiljahre der Künstler beleuchtet. 1934 komponierte Weill in Paris die tragisch-erfolglose Oper »Marie Galante«. Zwei Titel daraus sang Friederike Duetsch mit berückender »Opernstimme«, »Es gibt kein Youkali« und das Lied vom »Lustucru«, der mit unserem »Schwarzen Mann« verglichen werden kann: Da klang ein böser, verstörender Marschrhythmus herein.

1943 entstand in den USA der mitfühlend-zynische Song »Und was bekam des Soldaten Weib?« (Brecht/Weill) – »aus Russland den Witwenschleier«. Auch Propagandamusik im Auftrag der USA-Regierung floss aus Weills Feder: »Schickelgruber«... Mit einem süßen kleinen Klavierstück des »Bad Boy of Musik« George Antheil, »Little Shimmy«, zeigte Thomas Hartmann den »harmlosen Antheil« auf.

Nach 1945 trafen Kästner und Nick in München zusammen und gründeten das erste literarische Kabarett Münchens. Das »Spielzeuglied« als Gleichnis auf die Eltern- und auf die Geschlechterliebe, das »Marschlied 1945« als knallharte Absage an den mit dem »Schnurrbart« sind Chansons aus dieser Zeit. 1941 vertonte Weill einige Songs aus der Feder von Ira Gershwin; mit wandlungsfähiger Stimme und genialem Gefühl für den »American Way of Singing« gestaltete Friederike Duetsch »My Ship« und »The Saga of Jenny«.

Dieses, wie man sieht, sehr sorgfältig gestaltete Programm fand mit einer Zugabe aus »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« (1930) einen weiteren Höhepunkt: »Wie man sich bettet, so liegt man«, und endete mit »Mariechen, du dummes Viechen« aus Eislers Zyklus »Zeitungsausschnitte« vor einem begeisterten Publikum. Engelbert Kaiser