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Theater aus dem Stand heraus

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Herr Doktor, die Spritze ist verstopft: Daniela Mitterer (von links), Thomas Stegmann und Sandra Meier in Vorbereitung einer Spielszene mit einer Dame aus dem Publikum. (Foto: Kewitsch)

Stellen Sie sich doch einmal Folgendes vor: Ich werfe Ihnen und Ihrem Partner jeweils einen Buchstaben sowie eine willkürlich ausgedachte Szene zu. Zum Beispiel also ein »F« und ein »P« und das Thema ist Haushalt und Fensterputzen und die Notwendigkeit desselben. Sie haben fünf Sekunden Zeit, den Gedanken an sich heranzulassen und ab sofort die Aufgabe, alle Sätze nur noch mit »F« (bzw. Ihr Partner mit »P«) beginnen zu lassen.


»Fenster futzen fist far ficht feinfach« und überhaupt »pas pisschen Paushalt pacht pein Pann«. Sie sehen, eine Herkulesaufgabe. Willkommen im wahren Leben des Improvisationstheaters, genauer gesagt bei den Reichenhaller »Improfeten«. Die Szene mit dem »F« und dem »P« ist alles andere als fiktiv, sie ereignete sich sozusagen »live« im Cafe Weinmüller in Siegsdorf und wurde im Grunde fehlerfrei vorgetragen, unterbrochen nur von einigen Lachern.

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Die Improfeten kennen keinen Regisseur oder gar ein Drehbuch, haben aber eine gute Seele und einen variablen Plan: Sandra Meier aus Piding hat das Team im Rahmen eines VHS-Kurses aus der Taufe gehoben und verfolgt dieses theaterpädagogische Konzept mittlerweile mit Leidenschaft. Die Darsteller beim Gastspiel in Siegsdorf überzeugten durch ihre hochkonzentrierte Präsenz, aber auch durch ihre natürliche Art. Es traten keine Diven auf, sondern Menschen wie du und ich, die aber bewusst die Lust am Scheitern in Kauf nehmen. Improvisation heißt: Nix ist fix, jede Szene kann sich von einer Sekunde auf die andere drehen. Ein Gegenstand aus dem Koffer mutiert durch Abklatschen im Handlungsstrang ad hoc zur analen Spritze und auf den nächsten Satz darf nicht nur das Publikum gespannt sein.

Sandra Meier (souverän) und ihre Mitspieler Boris Bregar (in sich ruhend, unbeirrbar) sowie Thomas Stegmann (sehr stark) und Daniela Mitterer (lustig-listig) und Newcomerin Steffi Ficher (fehlerfrei) kamen mit völlig leerem Kopf. Drehbuch war gestern, Spontanität ist heute, das Publikum mutierte zum Zufallsgenerator, wenn es dann galt, Begrifflichkeiten einzuwerfen. Beispiel gefällig? Die Begriffe Krautinsel und Känguru: Professor Dr. Dr. Stegmann durfte zum Thema Paarungsverhalten der Kängurus auf der Krautinsel aus dem Stand heraus referieren und Sandra Meier musste dies in Gebärdensprache übersetzen. Die Gäste im Kulturwohnzimmer Weinmüller waren begeistert, der Lacherfolg einer der anderen Art. Herrlich!

Es war der Mix aus Lockerheit und großer Anspannung, der den Spaß brachte. Ein Pärchen im Publikum wurde mittels Hupe (für Bestätigung) und Glockerl (für Verneinung) gebeten, die improvisierte Szene des ersten Kusses (hinter dem Filou) im Sinne von »wärmer« oder »ganz kalt« zu »lenken«. Klar, wenn der angehende Gatte bei dem Satz »Ich find dich wunderbar« vom Hupe-führenden Ehemann lautstark Unterstützung erhält, während die Ehefrau bei »ich trink kein Bier« vehement die Glocke bedient.

Die Kunst der Unplanbarkeit vereint mit dem Mut zur Reaktion dividiert durch den Gedankenblitz: Das war es, was die Improfeten in Perfektion boten. Hinzu kam ein sehr gut gelauntes Publikum. Die Energie im voll besetzten Weinmüller war nahezu mit den Händen greifbar und der geistige Funke flog bereits bei der ersten Szene ungeplant durch die Luft. Alles in allem: Kultur mal ganz anders, Improvisation vom Feinsten, Theater-Zufalls-Spiel. Am 16. Oktober improvisieren die Improfeten erneut in Siegsdorf und nur eines ist fix: Die Buchstaben »F« und »P« werden es sicher kein zweites Mal werden. Udo Kewitsch

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