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Höhlenforscher Johann Westhauser im Kongresshaus Berchtesgaden – Spannende Einblicke in eine unbekannte Welt

Tiefenrausch im »Riesending«

Blitzlichtgewitter: Höhlenforscher Johann Westhauser (l.) kann wieder lachen. Bischofswiesens Bürgermeister Thomas Weber freut sich, dass es dem »Riesending«-Experten wieder gut geht. (Fotos: Pfeiffer)
Mehrfach war Dr. Ulrich Meyer in der Höhle, deren Eingang zum Bischofswieser Gemeindegebiet gehört.
Im Ursprungscanyon im »Riesending« im Untersberg geht es nur mit technischer Kletterei weiter. Eine besondere Gefahr stellen die Wassermassen dar, die durch den Schacht rauschen. (Foto: Arge Bad Cannstatt)

Berchtesgaden – Er hält sich im Hintergrund, beobachtet das Geschehen lieber von seinem Stuhl aus: Johann Westhauser, der Höhlenexperte, der vor knapp einem Jahr tagelang schwer verletzt im »Riesending« im Untersberg lag, meidet die Öffentlichkeit so gut es geht. Bei einer Dankesveranstaltung am Mittwoch im Großen Saal des Kongresshauses, veranstaltet von der Gemeinde Bischofswiesen, konnten rund 300 Besucher Eindrücke von der Höhle gewinnen. Die spannenden Ausführungen von Höhlenforscher Dr. Ulrich Meyer erzeugten mitunter beklemmende Gefühle beim Publikum.


Schmale Kluften, gefährliche Canyons, tiefe Schluchten – und immer wieder diese Dunkelheit. Wo Normalbürger beim Betrachten feuchte Hände bekommen, beginnt Dr. Ulrich Meyers Gesicht zu strahlen. »Für so manchen von uns ist die Höhle im Untersberg zur Lebensaufgabe geworden«, sagt der Höhlenexperte der Arge Bad Cannstatt. Der Mann mit der Brille ist hochgewachsen, zumindest deutlich größer als der bekannt gewordene Johann Westhauser, der im letzten Jahr zwei Wochen lang die Schlagzeilen bestimmte, als die Nation um sein Leben bangte.

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Höhlenforscher sind für gewöhnlich klein gewachsen, schmal gebaut, sie müssen sich durch enge Höhlen winden können, durch Beklemmung erzeugende Gänge, in denen Klaustrophobiker Panikattacken ereilen würden. Dr. Ulrich Meyer hingegen wirkt entspannt, wenn er von der Höhle spricht, mittlerweile Deutschlands bekannteste, die tiefste sowieso – und die längste ist sie mit 19 Kilometern obendrein. »Mut gehört dazu«, sagt Dr. Ulrich Meyer, wenn man in die Tiefe steigt, in die unbekannte Dunkelheit, abgeschnitten von der Außenwelt, einen Handyempfang gibt es im Bergmassiv nicht. Alles, was hier zählt, sei Konzentration auf den eigenen Körper, auf das Team, mit dem man unterwegs ist. Die Begeisterung des Bad Cannstatters ist ungebrochen, wenn er vom »Riesending« erzählt, das erst 2002 entdeckt wurde und dessen Ausmaße alles bisher Dagewesene übertrumpft. »Wir waren gleich zu Beginn fasziniert.« Viele Besuche sollten folgen.

Schächte, Canyons: Paradies

Das Publikum begleitete der ausgewiesene Höhlenkenner auf eine bilderreiche Reise durch das Innere des Untersbergs, in Tiefen, in die bislang kein Mensch vorgedrungen war. Der Höhleneingang war bis im letzten Jahr geheim, den Forschern vorbehalten, mittlerweile ist er verschlossen aber die Position ist bekannt. Vor allem wegen der großen Aufmerksamkeit, die Johann Westhausers Rettungsaktion erfuhr.

Was im Berg liegt, ist nach Ansicht derjenigen, die drin waren, »ein Höhlenparadies«, das mit einem 180-Meter-Schacht beginnt. Abseilen ohne Wandberührung: »Als wir das erste Mal drin waren, haben wir einen Stein genommen, nach unten geworfen und waren erstaunt darüber, wie lange es dauerte, bis er am Boden ankam«, berichtet Dr. Ulrich Meyer. Sieben lange Sekunden dauerte es. Der erste Abstieg war eine Tour ins Ungewisse, in ein System aus schmalen Gängen, riesigen Hallen, durch Klammen hindurch. »Was ist das nur für ein Riesending?«, fragten sich die Abenteurer immer wieder. Wasser war es, das sich über Jahrmillionen seinen Weg durch den Berg gebahnt hatte, durch Hunderte Meter dicken Dachsteinkalk und den bekannten Ramsaudolomit in den Tiefen des Berges. »Das Wasser, das in den Untersberg eindringt, tritt in der Fürstenbrunner Quellhöhle wieder an das Tageslicht – und versorgt komplett Salzburg mit Trinkwasser. Sieben bis maximal 157 Tage ist das Wasser unterwegs. Getestet hat man das mit gefärbter Flüssigkeit, die die Experten in den Berg einbrachten – und schließlich darauf warteten, dass es an der Quelle wieder ausgespült wird.

Reißende Flüsse und »tobende Monster«

Für die Bad Cannstatter Höhlenforscher gilt es, eine direkte Verbindung zu finden, jenes Riesenlabyrinth komplett zu kartografieren. Das war der Ansatz, den die Höhlenforscher die letzten zwölf Jahre verfolgten – bis Johann Westhauser jener Stein traf, der ihn beinahe das Leben kostete. Mehrfach musste ihn sein Begleiter Thomas Matthalm wiederbeleben, ausharren, bis Hilfe von draußen zur tief im Berg gelegenen Unglücksstelle eilte. Vorbei an kleinen Bächen, die bei Regenfällen zu reißenden Flüssen anschwellen, »tobende Monster« nennt Dr. Ulrich Meyer diese. Das Donnern der unterirdischen Flussläufe ist gewaltig, das Tosen des rauschenden Wasserlaufs, an manchem Ort ist eine Verständigung mit den Kollegen nicht möglich. Die Unfallstelle liegt weit hinter dem »Schluss-mit-lustig«-Schacht« und dem lärmumgebenen »Biwak des Schweigens«, weil man selbst das eigene Wort hier nicht mehr versteht.

In 700 Metern befindet sich eine vier Quadratmeter große Tropfsteinhöhle – die einzige im bislang bekannten Höhlensystem. Als »Weltwunder« bezeichnet der Referent das »Riesending« immer wieder. Zunächst der steile Abstieg, das ständige Abseilen bis auf rund 900 Tiefenmeter, dann ein Gang mit darunter liegendem Canyon, knapp einen Kilometer lang. Überall eindrucksvolle Hallen, so groß, dass Einfamilienhäuser dort Platz finden würden. Und immer wieder tiefe Schächte, die sich aus der Dunkelheit schälen.

Richtig gefährlich wurde es auch beim sogenannten »Reitgrat«, ein schmaler Felssteg, eingefasst von zwei riesigen Löchern, die 50 Meter in die Tiefe reichen. »Johann Westhauser mussten wir beim Rücktransport hier drüber kriegen«, so sein Kollege. Samt Seilsystem und jeder Menge Helfer.

Glasklare Höhlenseen bestimmen das Bild im »Riesending«, mit Schlauchbooten erkunden die Forscher die Unterwelt, es geht vorbei an mit Geröll verstopften Gängen, »das sind Bereiche, die wir noch erforschen müssen«, vorbei am Kristallgang, zwei Tagesausflüge entfernt vom Höhleneingang, bis hin zum »Krake«, einem unübersichtlichen Raum, von dem aus die Experten eine Verbindung zur Kolowrat-Höhle vermuten, die wiederum von Salzburger Seite aus zu begehen ist. Meterdicke Blöcke versperren weitere Gänge. »Wenn wir irgendwann wieder absteigen, können wir diese beseitigen«, ist sich Dr. Ulrich Meyer sicher.

Denn Johann Westhausers Unfall liegt erst knapp ein Jahr zurück, es war Pfingstsonntag gegen 1.30 Uhr in der Nacht. 3,2 Kilometer vom Eingang entfernt. Johann Westhauser, der am Mittwoch im Kongresshaus anwesend ist, verliert kaum Worte. Dankbar sei er, man habe ihm unter unglaublichen Umständen das Leben gerettet.

Der zurückhaltende Mann mit dem auffälligen Bart äußert sich nicht, ob er ein weiteres Mal in den Untersberg absteigen möchte. Seine Augen glänzen beim Betrachten der Höhlenbilder. Man kann nur schwer glauben, dass dieser Mann die Höhle kein weiteres Mal mit eigenen Augen betrachten wird. Kilian Pfeiffer