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»Krieg der Träume« aus der Zwischenkriegszeit im Salzburger Landestheater

Todesreigen zwischen den Kriegen

Kindersoldatin, russische Kosakin, Kämpferin gegen die Rote Armee, von den Kommunisten zum Tode verurteilt, kann in die USA fliehen und besiegt ihre Kriegstraumata durch den Tanz: Das Schicksal von Marina Yurlowa (1900 bis 1984) bewegt ganz besonders.

In den Spielszenen auf den Schlachtfeldern wird gerne im Chor gesprochen: Die schauspielerische Umsetzung ist insgesamt etwas mühsam. (Foto: Anna-Maria Löffelberger/Landestheater)

Die Produktion »Der Krieg der Träume« im Salzburger Landestheater erzählt – in revueartig ineinander verflochtenen Szenen – die Lebensgeschichten historischer Personen zwischen den Weltkriegen: Darunter sind spätere Nazis und einige ihrer markantesten Anhängerinnen, aber auch Revolutionärinnen und Anarchistinnen oder der spätere Ho Chí Minh, der als selbsternannter Delegierter für Vietnam an der Konferenz von Versailles teilgenommen und das Ende des Vietnamkriegs nicht mehr erlebt hat.

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Inhaltlich ist der Reigen aus Schnipseln von »guten« und »bösen« historischen Persönlichkeiten extrem spannend und bewegend. Dass Schwarz und Weiß als historische Dimensionen zu wenig sind, dass »gut« zu ganz besonders »böse« werden kann, zeigt die Lebensgeschichte von Rudolf Höß, dem jüngsten Unteroffizier des deutschen Heeres im 1.   Weltkrieg, der die »Schande« der Versailler Verträge nicht ertragen konnte, früh in die NSDAP eintrat, KZ-Lagerleiter von Auschwitz wurde und schließlich als zum Tod verurteilter Kriegsverbrecher endete.

Packend sind die Schicksale der vielen namhaften Frauen, die durch dieses Projekt ins Bewusstsein gerückt werden – von der Sängerin und Stummfilmdiva Pola Negri über die erst 2004 verstorbene Edith Wellspacher, eine der ersten weiblichen Ärztinnen, später Weltreisende und Künstlerin, dann Widerstandskämpferin bis hin zur glühenden, hochadeligen Hitler-Verehrerin aus England, Unity Mitford…

Die schauspielerische Umsetzung, besonders die gut gemeinten Spielszenen auf den Schlachtfeldern, auf denen gerne im Chor gesprochen wird, ist auf die Dauer des langen Abends eher mühsam. In Summe sind die streiflichtartigen Szenen aus ineinander verschachtelten Lebensgeschichten aber eine überaus bewegende Geschichtsstunde. Zusammengehalten wird der Reigen von einer Kino-Situation: Die erfundene Figur Lubitsch – angelehnt an den historischen Stummfilmregisseur Ernst Lubitsch (1892 bis 1947) – lässt die Szenen in seinem eigenen zerstörten Kino vor seinem inneren Auge ablaufen, spielt aber immer auch in die Lebensgeschichten der Figuren hinein, sei es als Helfer, Gewissen oder auch realer Akteur, wie im Falle der Sängerin und Schauspielerin Pola Negri.

»Krieg der Träume« feierte seine Uraufführung im Landestheater. Zu Grunde liegt ausnahmsweise kein dramatisierter Roman, sondern eine großangelegte Fernsehserie, die aus Anlass des Gedenkjahrs 2018 von ARTE, der ARD, dem ORF, der BBC und vielen anderen europäischen Fernsehanstalten gemeinsam produziert wurde und ab Ende September europaweit ausgestrahlt werden wird. Menschen der Zwischenkriegszeit aus Frankreich, Deutschland, Italien, Großbritannien, Österreich, Schweden, Polen und der Sowjetunion sind denn auch Figuren in der Doku-Revue auf dem Theater. Beide basieren auf historischen Tagebuchaufzeichnungen, Briefen oder Memoiren. Immer wieder wird im Stück Lyrik zitiert, besonders vom behäbigen Lubitsch des Christoph Wieschke.

Regie im Landestheater führte Christoph Biermeier, der das Stück auf der Basis der Drehbücher von Gunnar Dedio verfasst hat. José Luna, ein langjähriger Partner Biermeiers, schuf die Ausstattung, die mit wenigen klug eingesetzten Versatzstücken immer wieder eine Anmutung von Opulenz zeigt. Für die Choreografie zeichnet Andrea Heil, getanzt wird etwa in den anrüchigen Bars der Zwischenkriegszeit. Höhepunkte des Gesamtprojekts sind – durch ihre distanzierende, bizarre Abstraktion – die leitmotivischen Auftritte des unheimlichen, hervorragend tanzenden »Todesengels« auf Schlachtfeldern und in Transvestiten-Bars.

Aufführungen finden bis 4. April statt. Heidemarie Klabacher