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»Toxische Kontamination mit Knoblauch«

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Philosophische Fragen rund um das Thema Essen, Einladungen und Gäste beleuchtete Dr. Rainer Erlinger (links) bei einer Lesung im Traunsteiner NUTS. Musikalisch begleitet wurde er dabei von Josef Ramelsberger. (Foto: Effner)

Vielen Lesern ist er vor allem als Verfasser der Kolumne »Gewissensfrage« im Magazin der Süddeutschen Zeitung bekannt. Zwischen 2002 und 2018 lotete Dr. Rainer Erlinger jeden Freitag humorvoll, kompetent und hintergründig moralphilosophische und ethische Antworten für die von Gewissensnöten geplagten Briefeschreiber aus. Bis zu 100 Anfragen trudelten dabei jeden Monat in der Redaktion ein.


Bei einer Lesung im Traunsteiner NUTS beleuchtete der studierte Jurist und Mediziner jetzt Gewissensfragen rund um die Themen Einladungen, Gäste, Essen und Trinken. Musikalisch begleitet wurde er dabei vom Surberger Josef Ramelsberger, der sich in der Traunsteiner Kulturszene einen Namen als Liedermacher, Gitarrist und Jazz-Saxofonist gemacht hat.

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»Mancher Leser wunderte sich über die Banalität verschiedener Frage, die ich behandelt habe, aber daran konnte man mitunter schön Prinzipien unseres Umgangs miteinander im gesellschaftlichen Alltag deutlich machen«, erklärte Erlinger. Als Autor zahlreicher Bücher gibt es kaum ein Thema, mit dem er sich nicht beschäftigt hat. »Was darf ich mir vom Frühstücksbuffet mitnehmen?« Mit dieser Frage ist wohl jeder Reisende schon mal konfrontiert gewesen.

Zeitgeistbeseelt ging es dann in die etwas abwegigen Untiefen der »veganen Ernährung bei Haustieren«. Eine Banane als Leckerli für den Hund? Erlinger erinnerte an den Respekt vor Tieren als eigenständige Wesen. Wenn schon eine fleischlose Ernährung, dann sei dies noch eher beim Hund als Allesfresser möglich, nicht jedoch bei dem auf Fleisch ausgerichteten Verdauungssystem der Katzen.

Schokolade: schmeckt lecker und macht mitunter glücklich, aber darf man sie deshalb auch an Kinder in der Verwandtschaft verschenken und wenn ja, in welcher Menge? Erlinger beleuchtete die biologische, familiäre und moralische Dimension dieser Frage (am besten mit den Eltern abklären!) ebenso wie die Moral- und Glaubensaspekte von Gästen, die bei einer gut katholischen Wirtin am Karfreitag Spiegeleier mit Speck bestellen.

Wie die anfangs diebische Freude über die gelungene »Täuschung« mit Billigwein beim Schicki-Micki-Empfang durch die Frage nach der Bezugsquelle schnell zum Bumerang werden kann, sparte der Kolumnist ebenfalls nicht aus. Der Blick auf die Turbulenzen möglicher Ausflüchte erinnerte an das Drehbuch für eine temporeiche Gesellschaftkomödie.

Der gebürtige Deggendorfer spannte den Bogen von fettarmer Ernährung und der »toxischen Kontamination mit Knoblauch« (Ist das schon Körperverletzung?) über die Gewissensentlastung durch Bio-Fleisch und Fragen des Tierwohls bis zu Benimm-Regeln bei Essenseinladungen hin zu der viel zitierten Frage: Wie rufe ich im Lokal nach dem Kellner oder der Bedienung, ohne diskriminierend zu werden? Mit wortreichen Anspielungen auf die philosophische Tiefendimension des Themas landete Erlinger bei der einfachen Antwort: Winken oder Augenkontakt herstellen und ein kurzes »Entschuldigen Sie« anfügen.

Dass sich der Publizist jede erdenkliche Mühe bei sei-nen facettenreichen Antworten gibt und dabei auf eine Vielzahl unterschiedlichster Quellen zurückgreift, machte die humorvolle Lesung im NUTS mehr als deutlich. »Gibt es auch Fragen, wo Ihnen nichts einfällt?« Mit dieser Frage versuchte ein Zuhörer den gelehrten Enzyklopädisten aus der Reserve zu locken. Und in der Tat zeigte sich der Berliner auch um rasiermesserscharfe Antworten nicht verlegen, wenn er sich provoziert fühlt. Etwa durch die Frage in einem Leserbrief, ob man trotz Abneigung gegen Oliven eine Pizza damit bestellen dürfe und die Ölfrucht dann unverspeist mit dem Teller zurückgehenlassen dürfe.

Axel Effner