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Tränen als Schmiergelder für die Augen

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Der Reaktorunfall in Fuku-shima ist das »Thema« des jüngsten Theatertextes der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Aber es beginnt ganz harmlos: Die Dramaturgin bringt den Text. Man öffnet die verschlossenen Umschläge, beginnt zu blättern, erste Sätze zu murmeln und, langsam lauter werdend, vor sich hin zu sprechen. Im Zuschauerraum – der noch immer erhellt ist – hört man einzelne Satzfetzen: »Das Fremde in der Wiege, das da zu fauchen begonnen hat wie das Höllenfeuer, noch so klein, aber es wird alles haben wollen…« Eine Fuge? So muss es sein, denn dieses »Fauchen« wandert wie ein musikalisches Thema durch alle vier Stimmen.


Es ist zunächst ein Spiel mit dem Spiel, angesiedelt zwischen Kammermusik- und Schauspielprobe. Da sind aber auch die konkreten Anspielungen auf Musik und Musizieren, die in ihrer Bedeutung aber ständig ins Abgründige kippen: »Ich spiele doch nur die zweite Geige, ich begleite dich, sehe aber noch nicht wohin.«

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Zunächst scheint »Kein Licht« durchaus »allgemeine« menschliche oder künstlerische Grundfragen zu diskutieren. Zunächst hält sich die Reaktorkatastrophe als Bedrohungsszenarium scheinbar noch im Hintergrund: »Da muss etwas in großer Menge austreten gehen, aber wir merken nicht, wohin es sein Wasser abschlägt.«

War irgendwann die Rede davon, »die Bedrohung in einen Scherz zu verwandeln«, scheint zugleich die Bedrohung näher zu rücken.

Regisseur Thomas Oliver Niehaus hat den Textblock, den die Autorin nur den Personen A und B in den Mund legt, auf vier Schauspieler verteilt. Ulrike Arp, Harald Fröhlich, Sinikka Schubert und Christiane Warnecke stellen sich dieser unglaublichen Herausforderung an Merkfähigkeit und Sprechtechnik mit bewundernswerter Ruhe und Souveränität.

Die Töne sind entstellt wie die Leichen – »man hat nicht mehr gesehen, ob das ein Ton war, nicht die Höhe, nicht den Wert«. Der arme Ton wurde »angeblich in ein leerstehendes Gebäude in der Nachbarschaft gebracht, dort soll er nun erst mal bleiben, der Arme, allerdings darf kein Kontakt mit ihm stattfinden«. Die Anspielungen auf die Reaktorkatastrophe von Fukshima werden konkreter. Leider geht dieser grandios zwischen physischer und psychischer Katastrophenberichterstattung changierende Text irgendwann über in eine ziemlich ermüdende, weil kaum mehr verfremdete Anklage der Atomindustrie und ihres Zeitalters. Das kommt daher wie ein über-engagierter Studentenprotest.

Das anfängliche Bühnenidyll – ein überdimensionales Naturgemälde – ist inzwischen in sich zusammengefallen und gibt auf der Bühne von Barbara Steiner den Blick frei auf ein großes, aber seichtes Kühlwasserbecken. Darin kniet, in einem Schutzanzug aus einem hellblauen Müllsack, die grandiose Sinikka Schubert, die die Hauptlast des Jelinek'schen Textmassivs zu tragen hat. Sie bewältigt den Riesenmonolog bravourös. Ihre Mitspieler schlüpfen unter feuerfeste Gesichtsmasken und in die Rolle des kommentierenden griechischen Chores. Die Menschen sind längst keine Menschen mehr, sondern nur noch Zerfalls- und Zufallsprodukte ihrer eigenen Überproduktivität. Das ist alles sehr anspielungsreich und auch brillant umgesetzt. Dennoch wird man nach zwei Stunden ohne Pause irgendwann ungeduldig mit der immer weniger subtil daherkommenden Anklage.

Die Jelinek soll ja den Regisseurinnen und Regisseuren freie Hand lassen beim Umgang mit ihren Theatertexten. Ein paar Striche hätten vielleicht dazu beigetragen, die Spannung der insgesamt überaus packenden Produktion bis zum Ende aufrecht zu halten. Heidemarie Klabacher