weather-image

Traumhafte Panoramen, überwältigende Pässe und Glücksgefühle pur

2.3
2.3
Bildtext einblenden
Auf ihrer Transalp mussten die Biker auch durch die Uina-Schlucht. (Fotos: Raba)
Bildtext einblenden
Mountainbiker-Herz, was willst du mehr: Der Corviglia-Flowtrail schlängelt sich wie eine Bobbahn 500 Tiefenmeter hinunter nach Sankt Moritz.
Bildtext einblenden
Die Mountainbiker hatten einen freien und wunderschönen Blick auf den einzigen Viertausender der Ostalpen, den Piz Bernina.

Den Gardasee kennen viele, den Lago di Poschiavo in der Südschweiz nur wenige. Ebenso verhält es sich mit Transalpstrecken, denn zum Lago di Garda führen viele und nach Poschiavo kaum welche. Grund genug für Alois Raba und mich, eine neue Route zu planen.


Zum Ausgangspunkt in Füssen fuhren wir mit dem Zug. Von dort radelten wir vom Bahnhof nach Schwangau und zwischen den Königsschlössern Hohenschwangau und Neuschwanstein hindurch. Das stellte sich als äußerst schwierig heraus, da eine unfassbare Menge von Asiaten die Schlösser bewundern wollten, und diese uns kreuz und quer vor die Räder liefen. Nachdem wir uns durch die Massen hindurchgekämpft hatten, ging es sausteil hinauf zum Berggasthof Bleckenau und dann weiter mit 25-prozentiger Steigung zur Jägerhütte.

Anzeige

Mit viel Adrenalin in den Adern geht's hinunter

Zur Belohnung folgte die Abfahrt auf dem Schützensteig – einem steinigen Bergweg, bei dem uns das Adrenalin in die Adern schoss. Danach pedalierten wir entspannt am Plansee vorbei und weiter auf dem Radweg nach Ehrwald. Nach einer kurzen Pause ging es auf einem Waldweg über ein idyllisches Almgelände mit lichten Föhrenbestand am Weissensee vorbei zum Fernpass. Von hier surften wir auf einem herrlichen Pfad hinunter nach Fernstein und rollten nach 72 km und 1350 Höhenmetern weiter zum ersten Übernachtungsziel, dem österreichischen Nassereith.

Am nächsten Tag galt es, Strecke zu machen, denn die folgende Fahrt war zwar landschaftlich herrlich aber wenig spektakulär. Zunächst rollten wir auf Forst- und Waldwegen hinunter nach Imst, um dann auf dem Inntalradweg nach Landeck und ab der Katiansbrücke hinein ins wunderschöne Unterengadin zu pedalieren. Wir passierten in der Finstermünzschlucht Altfinstermünz, eine mittelalterliche Gerichtsstätte und Grenzbefestigung der alten Römerstraße »Via Claudia Augusta« und fuhren am Ort Martina vorbei bis Sper l’En nahe Sur En.

Nach 90 km und nur 800 Höhenmetern machten wir in einem einige hundert Jahre alten Hof Station. Hier erinnerte ich mich wehmütig an längst vergangene Zeiten, als ich die wilden Wasser der Ardezer- und Brailschlucht durchpaddelte, die noch heute als sehr schwer eingestuft werden. Vor allem der Bockschlitz in der Ardezerschlucht, dessen Durchfahrt mir damals gelang, wird nur selten befahren; hatte er doch schon viele Todesopfer gefordert.

Am nächsten Morgen brachen wir früh auf und radelten bei Sur En hinein in die Val d’Uina-Schlucht. Die anfangs angenehm fahrbare Forststraße steilte sich immer mehr auf und endete an der Uina-Dadaint-Alm. Hier stärkten wir uns mit der Engadiner Nusstorte. Danach wartete ein schwerer Singletrail auf uns, der uns hinauf zu der imposanten Felsschlucht brachte. Dort mussten wir die Radl tragen und schieben oder wie auf einem Schweizer Schild steht: »Ab hier müssen Sie das Velo stoßen.«

Wir bemerkten die Anstrengung dabei gar nicht, da der versicherte Weg mit zahlreichen Tunnels, in denen zum Teil tiefste Gangart angesagt war, spektakulär in die Felswand gesprengt ist. Immer wieder boten sich schwindelerregende Tiefblicke in einer unglaublich beeindruckenden Landschaft. Oben angelangt eröffnete sich ein liebliches Hochalmgelände, durch das der wieder fahrbare Singletrail zum 2300 Meter hoch gelegenen Schlinigpass führt. Der flowige Trail hinunter zur inzwischen auf Südtiroler Boden gelegenen Sesvennahütte bot puren Fahrspaß. Auf der bei Bergsteigern und Skitourengehern bekannten Hütte genossen wir Tiroler Gerichte.

Ein starker Espresso machte uns wach und stärkte unsere Konzentration für die folgende, mehr als sausteile Felspiste, auf der auch noch fieses Geröll unsere ganze Aufmerksamkeit und Fahrkunst erforderte. Endlich wurde es etwas flacher und wir konnten anhalten, um einerseits die vom Bremsen angestrengten Hände auszuschütteln und anderseits einen tollen Wasserfall zu bewundern. Im Sinkflug ging es nun die Forststraße hinunter in den Vinschgau und auf dem Radweg wieder hinauf nach Taufers. Nach anstrengenden 47 km und 1700 Höhenmetern übernachteten wir hier im Hotel.

Dann ging's auf einem Radweg in das Schweizer Val Müstair und anschließend auf einer Forststraße das Val Vau hinauf zum Döss Radond, dem Übergang ins Val Mora auf 2234 Meter. Im Windschatten einer Hütte machen wir eine Pause und genossen die sensationelle Aussicht auf die umliegende italienische Bergwelt. Anschließend glitten wir genüsslich auf dem fantastischen Singletrail durch das Val Mora hinunter zum idyllisch gelegenen Lago San Giacomo.

Danach ging es wieder bergauf, um über eine Schotterpiste hinauf zum 2300 Meter hohen Passo Alpisella zu gelangen, der einerseits mit schroffen Felsbergen und anderseits mit lieblichen Bergseen beeindruckt. Auf einem schmalen Karrenweg sausten wir im Sinkflug hinunter zum Lago di Livigno. Hier empfingen uns erneut die Touristenmassen. Entlang des Sees schlängelten wir uns durch und erreichten die Mountainbike-Hochburg Livigno, die mit ihren 3200 km ausgewiesenen Strecken weltweit als »Regina della Mountainbike« (Königin des Mountainbikens) gilt. Entsprechend langwierig gestaltete sich nach 48 km und 1500 Höhenmetern die Unterkunftssuche. Aber wir fanden am Ortsrand in einem Apartment Platz.

Der nächste Tag hatte es in sich, denn der berüchtigt schwere Poschiavino-Trail mit seinen 40 km, 900 Metern Auffahrt und 1700 Höhenmetern Downhill wartete auf uns. Zu Beginn radelten wir relativ gemütlich auf dem Radweg Richtung Berninapass. Doch schon bald verwandelte sich der Weg in einen Trail, der steiler und steiler wurde und wir kurz vor der Forcola de Livigno dachten: »Der Berg schnappt auf.« In zahlreichen Kehren wand sich der Weg wie ein Korkenzieher himmelwärts. Nach der Überquerung der Grenzstraße zur Schweiz ging es auf einem teils exponierten Höhenweg wie in einer kargen Mondlandschaft »aufi«, »obi« und »umi« bis zur 2500 Meter hoch gelegenen Forcola di Val Minur.

Nach einer kurzen Pause surften wir mit richtigen Glücksgefühlen auf dem jetzt flowigen Trail hinunter zum Ospizio Bernina am Passo Bernina und dem Lago Bianco. Doch dann ging es zur Sache. Ein steiler und mit Felsen und Wurzeln durchsetzter Bergweg mit teils fiesen Gegenanstiegen führte weiter abwärts. Eine tiefe Wasserrinne wurde Alois zum Verhängnis und er stieg unfreiwillig über den Lenker ab. Aber außer ein paar Schrammen war nichts passiert und so erreichten wir glücklich unser Ziel, den Lago di Poschiavo im südlichen Graubünden.

Zwei besondere Höhepunkte bot der nächste Tag. Zum einen fuhren wir mit dem Berninaexpress auf der Weltkulturerbestrecke, von der es weltweit nur drei gibt, hinauf zum Berninapass und weiter nach Sankt Moritz. Bei strahlendem Wetter konnten wir den Piz Palü und den einzigen Viertausender der Ostalpen, den Piz Bernina, bewundern.

Zum Abschluss noch ein echtes Highlight

In Sankt Moritz stiegen wir in die Corviglia-Zahnradbahn um und ließen uns hinauf ins Skigebiet shutteln. Hier wartete mit dem Corviglia-Flowtrail das nächste Highlight auf uns. Er ist ein extra für Mountainbiker geshapter Weg, der sich wie eine Bobbahn 500 Tiefenmeter hinunter nach Sankt Moritz schlängelt. Wir glitten durch die Anlieger, über die Tabels (Wellen) und Northshoreelemente (Bretterstrecken) und genossen die tollen Tiefblicke nach Sankt Moritz.

Unten angekommen fuhren wir voll mit unvergesslichen Eindrücken mit dem Zug nach Hause. Dabei grübelte ich, wie lange ich mit meinen 66 Jahren solche Unternehmungen wohl noch machen kann? Udo Jürgens hatte doch einst gesungen: »Mit 66 Jahren fängt das Leben an.« Ich fand keine Antwort. Rudolf Till