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Traunsteiner Sommerkonzerte – Konzert II

Zum achten Mal kommt Fazil Say am morgigen Sonntag um 19.30 Uhr im Kunstraum Klosterkirche zu den Traunsteiner Sommerkonzerten und wieder mit einem Programm, in dem der Hörer die geniale Mischung aus Intellekt und Emotion des türkischen Pianisten erleben kann. Es kehrt, wie nicht anders zu erwarten, den hochvirtuosen Techniker heraus, gibt Say aber immer wieder auch die Gelegenheit, sein sehr persönliches Empfinden für lyrische Momente, Trauer, Melancholie auszuleben. Gleich zu Beginn ist sein Gestaltungswille gefordert, wenn er den großen Bogen in Ferruccio Busonis Bearbeitung von Bachs berühmter d-Moll-Chaconne (Partita Nr. 2 für Violine solo BWV 1004) zu spannen hat.

Pianistische Spitzentechnik, physischer Einsatz, Temperament und Witz verlangen die drei Petrouschka-Tanzsätze von Igor Strawinsky. Die Transkription für Klavier solo der ursprünglichen Orchesterfassung (Ballett, 1911) hat der Komponist zehn Jahre später, angeregt durch Arthur Rubinstein und ihm gewidmet, selbst vorgenommen. Sie gilt als eines der technisch schwersten Werke der Klavierliteratur. Für Fazil Say nicht schwer genug? Er spielt jedenfalls seine eigene Fassung, und es ist anzunehmen, dass es da in puncto Tastenakrobatik noch mehr zur Sache geht.

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Auch nach der Pause wird Fazil Say sich erneut mit gewohnter Verve und sowohl geistiger als auch körperlicher Extremhingabe in eine Klavierliteratur zu stürzen, die, zum Fürchten, mit dem Schwierigkeitsgrad 6 angegeben wird. Bernd Alois Zimmermann bezeichnete seine zweiteilige Sammlung »Enchiridion« zwar ganz harmlos-bescheiden nur als »vielfältiges Übungsmaterial« für angehende Pianisten, aber was die Pianistin Yvonne Loriod 1952 bei den internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt uraufgeführt hat, sind nicht nur teuflisch schwere, sondern auch höchst geistreiche Übungen, vergleichbar den Zyklen Chopins, Debussys oder Schostakowitschs. Letztere haben leicht den Weg in den Konzertsaal gefunden. Dieser Erfolg blieb Zimmermann verwehrt, heute ist er mehr oder weniger nur noch als Komponist der Oper »Die Soldaten« bekannt. Say wird aus »Enchiridion« fünf »Exerzitien« spielen.

Ähnlich, wie seinerzeit Friedrich Gulda sein Klavierprogramm nicht unbedingt in allen Einzelheiten konkret ankündigte, sondern sein Publikum bis zum Konzertbeginn im Unklaren ließ, lässt auch Fazil Say es bis heute offen, welche seiner Eigenkompositionen er zum Abschluss seines Soloabends spielen wird. Da gäbe es Einiges – Balladen, Jazzfantasien, Tänze. Vielleicht gönnt er sich aber auch die große Freiheit des Improvisierens. Man wird hören! Imke von Keisenberg