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Trotz Blatter-Beschluss: Offene Fragen um Winter-WM

Berlin (dpa) - Vor dem pittoresken Alpen-Panorama von Going hat Joseph Blatter in seiner typisch präsidialen Art für WM-Fakten gesorgt. Ganz so einfach, wie sich der FIFA-Boss die Winter-WM 2022 in Katar nun plötzlich vorstellt, wird die historische Verlegung der Fußball-Show am Golf aber nicht werden.

Deutlich
Für Joseph Blatter ist klar: die WM in Katar kan nur im Winter stattfinden. Foto. Walter Bieri Foto: Walter Bieri Foto: dpa

Trotz positiven Feedbacks aus der Bundesliga, Widerstand aus den USA, England, Spanien und auch Italien scheint programmiert - inklusive möglicherweise kostspieliger Klagen für die FIFA. Die Auswirkungen auf den internationalen Rahmenterminkalender werden sich wohl auch nicht wie von Blatter behauptet auf eine Saison beschränken lassen.

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Schon im kommenden Jahr sollen die notwendigen Änderungen für die Spielpläne in Europas Topligen beschlossen sein, kündigte Blatter an. «Bis Ende 2014 steht der Rahmenterminkalender für die WM 2022. Das sind acht Jahre und damit ist mehr als genug Zeit», sagte der 77-Jährige am Donnerstag der dpa.

Dann muss die Bundesliga mindestens für eine Saison ihren Saisonplan umkrempeln und womöglich den ganzen Sommer durchspielen. Viele Club-Verantwortliche wie Karl-Heinz Rummenigge, Rudi Völler oder Horst Heldt begrüßen mittlerweile angesichts der «unerträglichen Hitze bis zu 50 Grad» (Heldt) öffentlich eine Verlegung und auch die DFL zeigte sich am Donnerstag kooperativ. «Ligapräsident Dr. Reinhard Rauball hat diese Variante bereits frühzeitig als sinnvollste Option angesehen», sagte Geschäftsführer Andreas Rettig am Donnerstag. Die DFL würde in jedem Fall eine Lösung für die Spielpläne von Bundesliga und 2. Bundesliga finden.

Doch Kritik bleibt auch nicht aus. «Wir sind wirklich glücklich, dass die FIFA nun bemerkt hat, dass es im Sommer in Katar warm ist», hatte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert schon vor der Blatter-Offensive ironisch angemerkt. Alternative Spielplan-Szenarien für die Ligen werden besonders im Süden Europas wegen der dortigen Sommerhitze grundsätzlich abgelehnt. Spaniens Primera Division und Italiens Seria A haben Gegenwehr angekündigt. Auch aus England droht Ungemach, weil der traditionelle Rhythmus über die Weihnachts- und Neujahrstage aufgebrochen würde.

England ist als Vergabe-Verlierer für die WM 2018 auf die FIFA ohnehin nicht gut zu sprechen. «Ich bin absolut sicher, dass Länder wie England auf eine Neuvergabe drängen, wenn sie eine Chance dafür sehen», so Seifert im Mai. Die USA hat als unterlegener Katar-Konkurrent auch schon rechtliche Mittel erwogen, da sich die Ausschreibungskriterien nun fast drei Jahre nach der Vergabe verändern sollen. Blatter hingegen spielt die Gefahr von juristischen Auseinandersetzungen herunter.

«Ich glaube nicht, dass es Klagen geben wird. Im FIFA-Pflichtenheft steht, dass sich die FIFA-Exekutive vorbehält, eventuelle Änderungen bei einer WM vorzunehmen», sagte Blatter. Tatsächlich hatte die FIFA in diesem Jahr beschlossen, dem Exekutivkomitee die organisatorische Hoheit über die konkreten WM-Planungen für 2018 und 2022 zu übertragen. Hinter den Kulissen wird gemunkelt, dass die USA mit der WM-Gastgeberrolle 2026 abgefunden werden könnte. Diese wird nach den gerade beschlossenen Regeln allerdings vom FIFA-Kongress mit seinen 209 Mitgliedern vergeben. Blatter müsste wieder Sonderregeln schaffen. Blatters Wunsch-Ausrichter Südafrika 2010 und Brasilien 2014 waren nur durch ein danach wieder abgeschafftes Kontinental-Rotationsprinzip möglich gewesen.

Hinter Blatters klaren Aussagen vermuten viele nun eine sportpolitischen Schachzug. Sein potenzieller Präsidentschaftsrivale Michel Platini war schon viel früher auf die Winter-Variante eingeschwenkt. Nun kann der UEFA-Chef mit diesem Politikum keine Eigenwerbung contra Blatter mehr betreiben. Zudem rückt die Termindebatte die immer noch ausstehende Aufklärung der Korruptionsverdächtigung gegen Exko-Mitglieder rund um den Katar-Zuschlag in den Hintergrund.

Ein Konfliktfeld hat Blatter immerhin schon bearbeitet. Eine Kollision mit den Olympischen Winterspielen soll vermieden werden, indem die WM erst im November oder Dezember 2022 und nicht wie zunächst erwogen im Januar desselben Jahres stattfinden soll. «Es wird nicht zu einer Konfliktsituation kommen, da sich FIFA-Präsident Blatter ausdrücklich für eine Verlegung der WM in die Monate November, Dezember 2022 ausgesprochen hat», sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa.

Beim Beckenbauer Camp in Österreichs Alpen hatte Blatter diese Terminfrage schon geklärt, obwohl eigentlich das Exekutivkomitee solche Entscheidungen trifft. «2022, November, Dezember finden keine Olympischen Spiele statt. Und auch sehr wenige Skirennen im November und Dezember. Aber nicht in Katar. Im Internationalen Kalender müssen wir da genau anschauen. Wir müssen im Jahr spielen - 22 bis 22», sagte er. Diese Option würde eventuell auch ein Beibehalten des Schuljahres-Rhythmus' ermöglichen, wenn dafür die Saison früher beginnt und bis in den Sommer 2023 hineinreichen würde.

Nun muss die FIFA-Exekutive grundsätzlich zustimmen. Doch daran gibt es nach den klaren Blatter-Worten keine Zweifel. «Er ist ein starker Präsident», sagte Franz Beckenbauer. Dann sind die Spielplangestalter gefordert. Und Detailprobleme sind bislang öffentlich nicht bedacht. Keine Antwort gibt es zum Beispiel derzeit auf die Frage, ob auch der Testlauf Confederations Cup im Jahr 2021 im Winter stattfinden wird - was bei eventuell zwei Teams aus Europa und vielen Europa-Gastarbeitern aus Südamerika die Spieltermine in den Topligen für ein weiteres Jahr durcheinanderwirbeln würde.