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Trumps Gipfelabsage: Denkpause für einen neuen Anlauf?

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Trumps Brief
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Mit diesem Schreiben sagte Trump das Treffen mit dem Machthaber von Nordkorea ab. Foto: J. David Ake/AP Foto: dpa

Alles auf Anfang: Nach Trumps Rückzieher vom Gipfel mit Nordkorea ist die Sorge vor neuen Spannungen groß. Aber die Absage könnte beiden Ländern auch eine Denkpause verschaffen, um neue Ansätze zu finden.


Seoul/Peking/Washington (dpa) - Donald Trump, Solist und Spieler der Weltpolitik. Nach seinem einseitigen Ausstieg aus dem Atomabkommen mit dem Iran und seiner knallharten Position im Handel mit den Europäern bringt die abrupte Absage des Gipfels mit Nordkorea dem US-Präsidenten erneut harsche Kritik ein.

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Er brüskierte damit auch den Verbündeten Südkorea: Präsident Moon Jae In hatte sich besonders stark für ein erfolgreiches Treffen zwischen Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un eingesetzt, eigens war er nach Washington gereist.

Es geht um viel: nicht nur um atomare Abrüstung, sondern auch um einen dauerhaften Frieden auf der koreanischen Halbinsel. Kaum einem Konflikt folgt die Welt mit so angehaltenem Atem.

Immerhin, Washington und Pjöngjang lassen die Tür für einen Dialog offen. Das gibt den Menschen in der Region Anlass zur Hoffnung. Auf der anderen Seite ist die Sorge groß, dass die Spannungen im Streit um das nordkoreanische Atomprogramm wieder schärfer werden.

Noch wird analysiert, was Trump genau dazu bewogen haben könnte, den für den 12. Juni in Singapur geplanten Gipfel so plötzlich abzusagen, wenn das auch nicht ganz überraschend kam. Zuletzt hatten sich auf beiden Seiten die Zweifel gemehrt, dass die Gespräche den erhofften Erfolg bringen könnten.

Das Weiße Haus gab Nordkorea die Schuld. Die USA wollten von Nordkorea zuletzt einen sofortigen, überprüfbaren und nachhaltigen Abbau seines Atomprogramms. Nordkorea sah eher eine Lösung des Streits in Schritten vor - ein Ansatz, der schon vor Jahren diskutiert wurde und letztlich gescheitert ist. Kim sprach aber zuletzt wiederholt von «synchronen Maßnahmen».

«Beide Seiten haben keine schlüssige Strategie gehabt», sagt der Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul, Lars-André Richter. So ein Gipfel sei von besonderer Tragweite und müsste nach einhelliger Meinung diplomatischer Kenner ein bis zwei Jahre vorbereitet werden. «So ein Gipfel hat Charme, aber beide Seiten müssen letztlich kapiert haben, das ist nicht nur eine Chance, sondern das kann auch nach hintenlosgehen», sagte Richter. Schließlich hätten beide wohl Angst vor der eigenen Courage gehabt.

Immerhin gibt es jetzt für beide Seiten eine Denk- und Atempause, um die nächsten Schritte zu erwägen. Auch in Pjöngjang dürfte der eine oder andere nicht unglücklich sein über die Absage, meint Richter.

Denn so abrupt die Absage war, so überraschend fiel die Reaktion Nordkoreas darauf aus. Statt scharfer Verbalattacken gegen einzelne US-Regierungsmitglieder, wie sie die kommunistische Führung zuletzt ausgeteilt hatte, gab es am Freitag eher versöhnlichere Töne. Der Erste Vizeaußenminister Kim Kye Gwan beteuerte in einer Erklärung, Nordkorea sei weiter zu Verhandlungen bereit.

Trump selbst, der seinen eigentümlichen Brief trotz einer markigen Erwähnung der atomaren US-Fähigkeiten im Ton ungewöhnlich höflich gehalten hatte, war am Freitag geradezu milde. Per Twitter dankte er für das «warme und produktive Statement» aus Nordkorea, hoffentlich führe es zu langem und anhaltendem Wachstum und Frieden.

Wenig später stand ein fröhlicher Trump auf dem Rasen vor dem Weißen Haus. Wer weiß, vielleicht finde das Treffen ja doch am 12. statt, sagte er sonnigen Gemüts, den wartenden Helikopter im Rücken. Und fügte hinzu: «Jeder spielt Spiele». Nicht nur angesichts der Lage mit Nordkorea müssen nicht alle einen solchen Satz beruhigend finden. Die gute Nachricht aber: Beide Seiten reden weiter miteinander.

Der Präsident hat sich offensichtlich noch nicht von dem dringenden Wunsch verabschiedet, Geschichte schreiben zu wollen. Von vielen Seiten wird er nun beschworen, die Diplomatie zum Zuge kommen zu lassen. Das sei mühselig und kleinteilig - aber so sei internationale Politik, es gehe nicht anders, formulierten viele Kommentatoren.

Auch Südkorea hegt die große Hoffnung, dass beide Seiten ihre diplomatischen Kanäle aktivieren. «Selbst für Nordkorea wäre es riskant zuzulassen, dass sich die Angelegenheiten auf der koreanischen Halbinsel auf längere Zeit verschlechtern», kommentierte die Zeitung «Hankyoreh». Das gelte besonders vor dem Hintergrund der «strategischen Entscheidung» des Regimes, den Fokus auf die wirtschaftliche Entwicklung zu richten.

In den USA fielen die Reaktionen auf Trumps Absage großteils vernichtend aus. Mit seinem Verhalten habe Trump eine einmalige Chance vertan. «Die US-Regierung hat vollkommen überschätzt, worauf Nordkorea sich bei einem solchen Gipfel einlassen würde», schrieb Richard Haass von der Denkfabrik Council on Foreign Relations. Er warf Trump vor eine Außenpolitik nach dem Motto «Alles oder nichts» vor. «Das wird dann entweder zu nichts führen oder zum Konflikt. Das gilt für Nordkorea, für den Iran und für den Handel.»

Trump habe die Verhandlungsposition seines Landes nun auch beim Thema Nordkorea entscheidend geschwächt, so ist in den USA vielerorts der Tenor. Trump könne es drehen und wenden wie er wolle, meint Ian Bremmer vom Think Tank Eurasia Group, seine Absage bringe den Präsidenten in große Verlegenheit.

China, das in dem Konflikt wegen seiner Kontakte zu Nordkorea eine wichtige Rolle spielt, bemühte sich am Freitag um Schadensbegrenzung. Der Pekinger Außenamtssprecher Lu Kang spielte Trumps abrupte Absage gar nur als «Drehungen und Wendungen» bei den Vorbereitungen eines Gipfeltreffens herunter.

Doch in Wirklichkeit ist die Nervosität in Peking groß, dass Trumps Rückzieher schwere Verwerfungen in der Region zur Folge haben könnte: «Die neue Situation wird zu wachsenden Schwierigkeiten und Unsicherheiten führen», glaubt der Pekinger Politikprofessor Shi Yinhong: Trotz der zunächst milden Reaktion aus Pjöngjang sei es möglich, dass die Spannungen «ein ähnliches Ausmaß wie im vergangenen Jahr» annehmen könnten. Mit seinen Raketentests hatte Kim Jong Un nicht nur seine Nachbarländer in Atem gehalten. Ein militärischer Konflikt, schreibt der Newsletter Axios unter Berufung auf das Weiße Haus, sei damals viel näher gewesen als allgemein bekannt.