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Türkische Farben bei den Traunsteiner Sommerkonzerten

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Den gewohnt heftigen Applaus mit »Traunsteiner Fußgetrampel« gab es zum Auftakt der Traunsteiner Sommerkonzerte für das Minetti Quartett mit Özgür Aydin (ganz links). (Foto: Aumiller)

Multikulturelle Konflikte lösen sich in der Musik auf, gehen ein friedliches und fruchtbares Miteinander ein. Politik hat allerdings oft bei Komponisten und ihrem Schaffen eine Rolle gespielt in Form von fördernder oder hemmender Einflussnahme. Vor allem im 20. Jahrhundert sind viele Musikwerke durch politische Entscheidungen entstanden, gefärbt oder auch verhindert worden.


Die Traunsteiner Sommerkonzerte, die Imke von Keisenberg in Nachfolge ihrer Gründerin Dorothee Ehrensberger erfolgreich weiterführt, setzen ihren Programmablauf gerne unter einen Themenschwerpunkt. Diesmal ist es »die türkische Nationalmusik und der Aufbau des türkischen Musiklebens unter Atatürk«. Dabei geht es hier vor allem um die türkische Musik des 20. Jahrhunderts. In den zwanziger Jahren schickte die türkische Regierung zehn junge Türken zum Musikstudium nach Europa. Daraus gingen »die Türkischen Fünf« hervor, die die klassische Moderne der türkischen Nationalmusik als erste professionelle Komponisten geprägt haben.

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Einer von ihnen ist Ulvi Cemal Erkin (1906 bis 1972), der in Paris studierte, dann Professor des Staatskonservatoriums in Ankara und später Dirigent der Staatsoper war. Sein 1943 entstandenes Klavierquintett stand im Zentrum des Eröffnungskonzerts, in der Programmabfolge zwischen Haydn und Beethoven gebettet. Es ist ein beeindruckendes Werk, dem die Zuhörer mit großem Interesse folgten. Meisterlich gestaltete das Wiener Minetti Quartett (Maria Ehmer und Anna Knopp, Violine, Milan Milojicic, Viola, Leonhard Roczek, Violoncello) zusammen mit dem in Berlin lebenden Pianisten türkisch-amerikanischer Abstammung, Özgür Aydin, dieses fantasievoll farbenreiche Quintett.

Die musikalische Bewegung vollzieht sich in gegeneinander abgesetzten Stimmungswechseln zwischen kraftvoll vorwärtsdrängendem Stürmen und filigran-zarten, melodischen Tongespinsten, in die fein dosiert »östliche« Farben eingeflochten sind. Dem Flirren der 1. Violine begegnen die übrigen Streicher mit nervigem Tremolieren oder sie spielen sich die verschiedenen Themen im Wechsel gegenseitig zu. Im kraftvollen Miteinander treibt sie ein starke innere Motorik an.

Das Klavier hat einen herausragenden Part, ist zwischendurch immer wieder im Alleingang in Aktion, im Wechsel von äußerst kraftvollem bis einschmeichelndem Einsatz. Das aufgeregte Pochen in den Bässen des Klaviers wirkt wie ein erregt bedrohliches Marschieren, dem die Streicher starke Akzente dazusetzen. Der gespenstisch einsetzende Adagio-Teil mutet wie schwermütiges Schreiten durch unwegsames Gelände an oder auch wie eine Art schmerzerfüllt meditatives Nachsinnen mit Spuren türkischen Kolorits untermischt. Das Cello übernimmt das Thema vom Klavier, nacheinander steigen die Bratsche und die Violinen ein, bringen auch scharfe, kantige Farben und immer wieder meldet sich das tiefe Klavierregister, eindringlich, drohend bis geheimnisvoll. Das Stück stellt eine intensive Begegnung und ein gewinnendes Musikerlebnis dar!

Zu Beginn bezauberte das Minetti Quintett mit wunderbar austariertem und transparentem Zusammenspiel beim Haydn- Quartett B-Dur op.76/4 Hob.III 78, das den Beinamen »Der Sonnenaufgang« trägt. Es war ein glückhaftes, schwereloses Musizieren, sonnig, aber auch gewichtig genug, um des Komponisten erstrangige Quartettqualitäten, die einen prominenten Platz in der Musikgeschichte einnehmen, voll zum Tragen zu bringen. Die Minettis spielen mit Eleganz, aber auch mit nervigem Impetus, federnd und doch kraftvoll und bringen in der Tonqualität auch etwas vom »Wiener Klang« ins Spiel. Die Geigen glänzen mit schlanker Tongebung, führend brilliert die Primgeigerin mit filigraner Silberpolitur, der aber auch Stärke innewohnt sowie dynamische und rhythmische Energetik. Auch der Bratscher ist öfter das führende Element, unterstützt von der Cellogrundierung. Das trifft vornehmlich bei Beethovens Streichquartett Es-Dur op.127 zu. Hier sorgen die tiefen Streicher verstärkt für die füllige und kräftige Tonwürze.

Es ist das erste der sogenannten »Späten Streichquartette« Beethovens, das dem Hörer aber freundlich vermittelnd entgegenkommt, die Prägung durch fast romantischen Stimmungsgehalt erfährt. Die Minettis beginnen sehr entschlossen, zeigen auch ihre individuelle Stärke in der exzellenten Handhabung ihrer vorzüglichen Instrumente, aber bestechen gleichzeitig durch ein gut ausgewogenes Miteinander in schöner Balance und Transparenz. Ein Hörgenuss! Elisabeth Aumiller