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»Ungewissheit des Augenblicks« meisterhaft gezeichnet

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Horst Beese neben seiner Zeichnung in Kreide »Flucht«. (Foto: Giesen)

Dass Zeichnungen eine eigene, beachtliche Kunstgattung sein können und längst nicht nur Entwürfe oder dekoratives Beiwerk, zeigt die neue Ausstellung des Künstlers Horst Beese in der ChiemSeebruck-Galerie in Seebruck.


Dabei sind die insgesamt 24 Zeichnungen großformatig bis zu 120 mal 205 Zentimeter, wie es nur selten in Präsentationen zu sehen ist. Mit analytischem Blick – der auch seinem naturwissenschaftlichen Studium geschuldet sein mag – arbeitet der Künstler oftmals kleine Details realistisch heraus. Trotz der großen Detailtreue wirken die Bilder aber keineswegs wie Fotografien, denn sie vermitteln zugleich Emotion und verdichten die Atmosphäre des Augenblicks aus der Perspektive des Künstlers. Beese setzt sich in seinen Zeichnungen mit seinen persönlichen Wahrnehmungen der Realität auf ganz unterschiedliche Art und Weise auseinander.

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Besonders beeindruckend ist das Triptychon »Bacon‘s Atelier«. Der irische Maler Francis Bacon (1909 bis 1992) gehört zu den bedeutendsten gegenständlichen Malern des 20. Jahrhunderts und ist noch vor Edvard Hopper oder David Hockney ein Vorbild für Horst Beese. Bacon‘s Atelier in Chelsea, London, wurde nach seinem Tod in seiner Geburtsstadt Dublin genauso wieder aufgebaut, wie es zu Lebzeiten des Künstlers ausgesehen hat. Dabei entstanden viele Fotos, die Horst Beese für seine Zeichnungen verwendete. Das ganze Chaos des Ateliers mit seinem Wust an Pinseln, Farbtuben, Büchern, Zeitungen, Whiskeyflaschen… öffnet den Blick auf all das, womit sich Bacon beschäftigte. Die Darstellungsform des Triptychons verwendete Bacon selbst oft gerne und zeigt hier nun sein Atelier aus verschiedenen Perspektiven. Auch »Spurensuche« beschäftigt sich damit, wie zwei Männer im Overall mit Atemmaske die auf einem wirren Haufen liegenden Malutensilien von Francis Bacon untersuchen.

Horst Beese arbeitet nach Fotos, aber er kopiert sie nicht. Das Foto ist lediglich der Ideengeber und wird in der Zeichnung verändert, verfremdet und verdichtet, sodass eine eigene, bildnerische Wirklichkeit entsteht. Was die zeichnerische Qualität anbelangt, ist Horst Beese zweifellos ein Meister seines Fachs. Neben starken hellen und dunklen Kontrasten gibt es überall auch freie Flächen oder nur durch Umrisslinien angedeutete und auslaufende Gegenstände. Dazu kommen komplizierte Spiegelungen in einigen Bildern und diverse Licht- und Schattenwirkungen der Bildgegenstände.

Fast alle Bilder sind mit Bleistift auf verschieden starkes Papier gezeichnet, also schwarz/weiß in vielen Abstufungen. Nur manchmal sind kleine, durch ihre Seltenheit besonders lebhaft wirkende, rote oder blaue Akzente gesetzt.

Ein großes Thema der Zeichnungen ist auch das Unterwegssein und die Ankunft, mal von Reisenden, die auf die Überfahrt mit der Autofähre warten, im Flughafen, einem Vogelschwarm oder von Flüchtlingen, die von einem kleinen Boot aus gerade das rettende Land erreichen. Mit dem Thema Flucht befassen sich auch die beiden einzigen Bilder in anderer Technik: mit tief-schwarzer Pitt-Kreide eher flüchtig skizziert wirken Stacheldraht und Verfolgung umso bedrohlicher. Horst Beese wurde 1949 in Berlin geboren, absolvierte ein Architektur- und Ingenieurstudium an der Technischen Hochschule Berlin und studierte von 1975 bis 1983 Malerei und Kunstpädagogik an der dortigen Hochschule der Künste. 1982 war er Meisterschüler bei Professor K. H. Herfurth und erhielt mehrere Stipendien des Berliner Senates. Seit 1998 lebt Horst Beese als freischaffender Künstler in Sondermoning im Chiemgau.

Bei der sehr gut besuchten Vernissage in der ChiemSeebruck Galerie führte der Vorsitzende des Kunstvereins Traunstein, Herbert Stahl, mit der Einfühlsamkeit des Künstlerkollegen in die Ausstellung ein. Als übergreifenden inhaltlichen Begriff für die 24 Zeichnungen stellte er treffend die »Ungewissheit des Augenblicks« fest. Überall sei in den Arbeiten irgendetwas Ungeklärtes, das den Betrachter stutzen lässt, obwohl man ja glaubt, alles realistisch zu erkennen.

Die empfehlenswerte Ausstellung ist bis Sonntag, 17. Juli, zu sehen, montags bis donnerstags von 14 bis 17 Uhr und am Freitag, Samstag und Sonntag von 16 bis 19 Uhr. Andere Besichtigungstermine können unter Telefon 08669/81 96 87 mit dem Künstler vereinbart werden. Christiane Giesen