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Unruhige Zeiten in der »Komfortzone« Chemnitz

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Chemnitz
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Teilnehmer der Demonstration von AfD und Pegida. Foto: Ralf Hirschberger Foto: dpa

Chemnitz wird eine Woche nach dem gewaltsamen Tod eines 35 Jahre alten Deutschen wieder zum Demo-Schauplatz. Gegensätze prallen aufeinander. Nach einer Atempause am Sonntag steht schon das nächste Großereignis bevor.


Chemnitz (dpa) - Es ist ganz still - obwohl Tausende Demonstranten in einem Straßenzug von Chemnitz stehen. Nur Motorengeräusche von Polizeiwagen sind zu hören. Dem Aufruf der rechtspopulistischen AfD und des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses sind viele am Samstag gefolgt.

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Es soll ein schweigender Trauermarsch sein - nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen am Sonntag zuvor und anschließenden Ausschreitungen. Die Demonstration, die schon verspätet startete, gerät ins Stocken und wird vorzeitig beendet. Doch viele wollen nicht gehen, sind verärgert. Die Stimmung ist sehr angespannt an diesem Abend in der drittgrößten Stadt Sachsens.

Wasserwerfer fahren heran. Ein großes Polizeiaufgebot an der Karl-Marx-Büste in der Innenstadt steht wütenden Gruppen gegenüber, die »Widerstand« und »Lügenpresse« rufen. Als ein Außenstehender auf die Demonstranten schimpft, sie sollen Chemnitz in Ruhe lassen, gehen Einzelne von ihnen auf ihn zu. Die Polizei schreitet sofort ein.

Der Samstag soll für Chemnitz eigentlich eine Art Befreiungsschlag werden. Buntes Chemnitz - statt braunes. Unter dem Motto »Herz statt Hetze« strömen Demonstranten zur Kundgebung gegen Rassismus. Auch Politprominenz mischt sich darunter. »Die Mehrheit sind die Anständigen, und ich möchte, dass man das auch sieht und wahrnimmt«, sagt Vize-Regierungschef Martin Dulig am Rande der Demo. Doch der Wunsch der SPD-Landesvorsitzenden erfüllt sich nicht. Am Ende sind die Kräfteverhältnisse eindeutig: Zu den rechtsgerichteten Demos zieht es laut Polizeibilanz vom Sonntag rund 8000 Menschen - zu den anderen Kundgebungen nur rund 3000.

Auch eine Initiative aus Bürgern, Unternehmern und Wissenschaftlern hatte zuvor noch mit einem Aufruf an die schweigende Mehrheit appelliert. »In den letzten Jahren ist durch viele aktive und motivierte Menschen aus einer grauen Stadt ein buntes, lebenswertes Chemnitz geworden, fast schon eine Komfortzone«, hieß es da. Und: »Aus der müssen wir jetzt wieder raus. Wir müssen und wollen uns wieder einschalten, damit aus bunt nicht braun wird.«

Sogar ein riesiges Banner wird am Samstag an den Sockel der überdimensionalen Karl-Marx-Büste geklebt. »Chemnitz ist weder grau noch braun«, ist darauf zu lesen. Doch bereits am Sonntag ist das Banner zur Hälfte abgerissen.

Die Stadt ist seit Tagen in den Nachrichten und Schlagzeilen - in Sachsen, in Deutschland und weit darüber hinaus. Als Tatverdächtige der tödlichen Messerattacke sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft. Nach der Tat hatte es Ausschreitungen in der Stadt gegeben. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) betont auf der Kundgebung gegen Ausländerfeindlichkeit: »Von Sachsen und Chemnitz muss heute die klare Botschaft ausgehen: Wir werden mit allen Mitteln des Rechtsstaates den rechten Hetzern entgegentreten.«

Der Samstag zeigt, wie sehr die Meinungen auseinanderdriften, wie tief die Stadt gespalten ist: Auf den Plakaten der einen Seite stehen Parolen wie »Wer nicht denkt und wer nichts weiß, der glaubt den ganzen Nazi-Scheiß«. Die Gegenseite formuliert es noch derber: »Merkel fahr zur Holle, mach dich zum Teufel auf die Reise mit deiner Asylscheiße«.

Zwischen den unterschiedlichen Kundgebungen liegt der Tatort. Auch am Samstag legen Bürger hier weitere Blumen nieder, zünden Kerzen an, halten inne. Es soll eigentlich ein Ort der Ruhe sein. Chemnitz kommt am Samstag aber lange nicht zur Ruhe.

Und an diesem Montag steht der Stadt schon die nächste Großveranstaltung bevor. Zu einem Konzert unter dem Motto »#wir sind mehr« gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt haben sich prominente Musiker wie die Toten Hosen, Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet und Marteria & Casper angekündigt. Das Konzert ist gratis, das absehbare Interesse bundesweit enorm. Wegen der hochkarätigen Bands oder wegen des ernsten politischen Hintergrunds? Jedenfalls dürfte der Slogan »Wir sind mehr« diesmal Realität werden.

Homepage der Initiative