»Unsere Ampel steht auf Tiefrot« – Landratsamt BGL: Relativ geringe Impfquote mit ursächlich

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Das Infektionsgeschehen im Landkreis Berchtesgadener Land erreichte einen neuen Höchststand.

Berchtesgadener Land – Die bayerische Krankenhausampel steht auf Grün, »für den Landkreis gilt das aber nicht«, sagt Dr. Christian Geltner, Chefarzt Innere Medizin und Pneumologie in der Kreisklinik Bad Reichenhall. Eineinhalb Stationen waren vergangene Woche noch mit Covid-Patienten belegt – und die Inzidenz steigt weiter auf Rekordwerte.


Ähnlich schätzt auch Sabine Segerer-Utz von der Presseabteilung der Kliniken Südostbayern die Lage für den Standort in Traunstein ein. Die Inzidenzen in der Region zählen zu den höchsten in ganz Deutschland, liegen im Berchtesgadener Land sogar bei über 400, in Traunstein nur knapp darunter (siehe Bericht unten). Das wirke sich auch in den Kliniken aus: »Von einer grünen Ampel für unsere Region kann wahrlich keine Rede sein.«

Von »haufenweise Covid-Patienten« spricht Geltner, die derzeit in Reichenhall behandelt werden, die meisten davon ungeimpft. Für jeden Patienten müssten zweieinhalb Krankenhausbetten gestrichen werden, um entsprechende Isolationsmaßnahmen durchsetzen zu können. Die bayerische Krankenhausampel, die aktuell »Grün« anzeigt und in jeder Corona-Pressemeldung des Landratsamts Einzug findet, gebe aber nicht das tatsächliche Bild wieder. »Hätten wir eine landkreisbezogene Ampel, stünde diese auf Tiefrot«, sagt der Chefarzt. Erst, wenn in Gesamt-Bayern die Zahlen deutlich höher lägen, würde die bayerische Ampel die Farbe ändern.

Nicht absehbar, wie es weitergeht

Waren es während der zweiten Corona-Welle 500 Patienten, die in Reichenhall insgesamt behandelt wurden, folgten in der dritten Welle 200 weitere. »Die vierte Welle ab Juli hat uns bereits jetzt über 200 Leute ins Krankenhaus gebracht«, sagt er. Es sei nicht absehbar, wie es weitergeht, ab wann die Zahlen sinken. Geltner ist überzeugt davon, dass die Welle noch andauern werde. Zum Leidwesen des Krankenhauspersonals: »Der Aufwand für alle Beteiligten ist immens«, sagt Geltner, der aus eigener Erfahrung weiß, wie sehr das Pflegepersonal gefordert ist. »Man merkt seit langem die Ermüdung der Mitarbeiter.« Die Patienten binden Personal. »Andere Eingriffe müssen wir jetzt wieder verschieben«, sagt Geltner. »Extrem viele geplante Aufnahmen haben wir bereits nach hinten verlegt, Operationen auf neue Termine gelegt.«

»Patienten werfen uns Fehldiagnose vor«

Tagtäglich lassen sich derzeit Patienten aufnehmen. Die Symptome derer, die ins Krankenhaus kommen, hätten sich dabei nicht verändert: Atemnot, hohes Fieber, Husten. Die Patienten sind insgesamt jünger geworden, was auch an der hohen Impfrate unter Senioren liegt. »Es ist ganz klar: Wer geimpft ist und sich ansteckt, hat einen deutlich leichteren Verlauf.« Die Impfdurchbruchrate liegt aktuell bei zwölf Prozent. Seit Beginn der zweiten Welle, die im vergangenen Oktober startete, hat man in Bad Reichenhall gut dokumentiert, wie sich die Covid-Krankenhaussterblichkeitsrate verändert hat. Waren es in der zweiten Welle noch zwölf Prozent, liegt man nunmehr bei fünf Prozent, was mit der Impfrate in Zusammenhang stehen dürfte. »Wir haben immer noch viele Patienten, die uns vorwerfen, wir würden bei ihnen eine Fehldiagnose stellen – weil es kein Covid gibt«, sagt Geltner. Ungeimpfte stellen derzeit das Gros an zu Behandelnden dar, ein Großteil derer hat Migrationshintergrund, stellt Geltner fest. Die Impfkampagne hätte diese Zielgruppe nicht optimal erreicht. Deshalb versucht man es momentan etwa auch mit russischsprachigen Ärzten im Landkreis, um diese Personen besser erreichen und aufklären zu können.

Ob Geltner ahnt, wieso die Zahlen im Berchtesgadener Land seit Beginn der Pandemie auf den vordersten Plätzen rangieren? Erklärungsmöglichkeiten gibt es dafür mehrere: Der Impfdurchschnitt befinde sich deutlich unter Bundesdurchschnitt, das Maßnahmenverständnis hätte allgemein abgenommen. »Die Grenznähe hat mit Sicherheit einen Grund, ebenso das Urlaubsverhalten der Bevölkerung.« Reisen in Richtung der Balkanländer seien hier die Regel. Und dort waren im Sommer viele hingereist. Etliche, die zurückkehrten, infizierten sich auf ihrem Trip.

Das Gesundheitsamt im BGL macht für die hohen Zahlen neben einer hohen Infektionsquote in Schulen und Kitas auch die im Vergleich zu anderen Regionen relativ niedrige Impfquote im Landkreis verantwortlich. Der Anstieg kann laut Landratsamt »nicht auf einen einzigen Umstand zurückgeführt werden«. Vielmehr würden mehrere Faktoren das Infektionsgeschehen beeinflussen. So ist im Landkreis die Impfquote im Vergleich zu anderen Regionen relativ niedrig, was zum aktuellen Infektionsgeschehen beiträgt. Bisher wurden 59 263 (55,80 Prozent) Erstimpfungen durchgeführt. Durch Zweitimpfungen konnten 57 636 (54,27 Prozent) Menschen vollständig immunisiert werden. Bayernweit sind derzeit mindestens 63,8 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Kinder sind ungeimpft und damit anfälliger

Als eine der Quellen des Infektionsgeschehens hat das Landratsamt vermehrt Schulen und Kitas ausgemacht. »Hier trifft eine weitgehend ungeimpfte Personengruppe auf die hochansteckende Delta-Variante«, so die Kreisbehörde auf Nachfrage unserer Zeitung. »Die regelmäßigen Tests in den Einrichtungen bringen die Infektionen dann zu Tage. Dazu kommen oft auch noch Personen, die ihre Symptome falsch einschätzen, diese eher einer normalen Erkältung zuschreiben und dann weiterhin den Arbeitsplatz oder ähnliches besuchen.«

Eine Tendenz zu höherer Impfbereitschaft sei im 14-Tages-Vergleich nicht erkennbar. Im Zeitraum von 7. bis 13. Oktober konnten 428 Erstimpfungen und 588 Zweitimpfungen verabreicht werden. Vom 14. bis 20. Oktober wurden 332 Erstimpfungen und 542 Zweitimpfungen durchgeführt. Eine Einschätzung bezüglich einer möglichen Tendenz für die nächsten Wochen im Landkreis will das Landratsamt nicht abgeben. »Dies lässt sich aktuell nicht voraussagen«, heißt es.

kp/UK